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Die Kraft der Sexualität aus der Sicht eines Baha'i
 

Die Kraft der Sexualität aus der Sicht eines Bahá'í

Ein Text von Furi Khabirpour im Auftrag des NGR Deutschland.

Reinheit und Keuschheit waren und sind noch immer der schönste Schmuck der Dienerinnen Gottes. Gott ist Mein Zeuge! Das klare Licht der Keuschheit wirft seinen Glanz auf die geistigen Welten und sein Duft weht selbst bis ins Erhabenste Paradies. 1
Bahá'u'lláh

Sexualität ist ein Gefühl, eine Kraft und eine Wirklichkeit, die Menschen jeglichen Alters und Geschlechts beeinflusst. In unserer heutigen Gesellschaft gibt es kaum ein Thema, das mehr Beachtung findet; das Interesse unserer Mitmenschen an sexuellen Gefühlen und ihren Abgründen ist schier unersättlich.
© daniel stricker / PIXELIO
In fast jedem zweiten Song ist sie Thema Nr. 1. In Musikvideos, in Spielfilmen, in Zeitungen und Zeitschriften werden wir, ob wir wollen oder nicht mit sexuellen Bildern, Szenen und Gedanken konfrontiert. Es erstaunt mich immer wieder, wie in der Werbung für Produkte, die vordergründig mit der Sexualität des Menschen nichts zu tun haben, dennoch Bilder und Sprüche produziert werden, die sexuelle Gefühle im Konsumenten ansprechen. So erleben wir in unserer Gesellschaft, wie sich Gier und Abstumpfung die Hand reichen und Anstand und Schamgefühl schwinden.
Wir sind vermutlich nicht weit entfernt von einem Zustand der Welt, den Bahá'u'lláh in Seinen Schriften vorhersah:

"Die Zeichen drohender Erschütterungen und des Chaos sind jetzt erkennbar, denn die herrschende Ordnung erscheint beklagenswert mangelhaft."
"Ihr Zustand wird so sein", hat Er in anderem Zusammenhang erklärt, "dass, ihn jetzt zu enthüllen, nicht passend und ziemlich wäre". 2

Die Sexualität des Menschen ist unter anderem verbunden mit Lust- Unlustgefühlen, Nähe-Distanzempfindungen, Intimität und Zärtlichkeit. Sie wird auch als der Lebens-(Überlebens)trieb des Menschen verstanden und ist integraler Teil seiner körperlichen Identität, die schließlich aus einem sexuellen Akt geboren wurde. Die sexuellen Handlungen eines geschlechtsreifen Menschen bilden nur einen Bruchteil der menschlichen Sexualität.

© Lothar Henke / PIXELIO
In diesem Artikel geht es mir darum zu zeigen, dass die Sexualität des Menschen und das Thema Grenzen und Einschränkungen zusammengehören und letztere Voraussetzung für ein glückliches Zusammenleben sind, und dass der richtige Umgang mit der eigenen Sexualität geistige Tugenden hervorbringen kann und zur Veredelung des Menschen beiträgt.

In der zwischenmenschlichen Beziehung spielen Grenzen eine entscheidende Rolle. Wir sind stets auf der Suche nach den Grenzen des anderen und der eigenen. Fragen wie: "Wie weit darf ich gehen, habe ich die persönlichen Grenzen meines Gegenübers überschritten, was hat ihm/ihr weh getan, wo sind meine eigenen Grenzen, wie viel Nähe kann ich ertragen usw." sind ständig gegenwärtig. Wie viel mehr gilt es, diesen zwischenmenschlichen Grenzen Beachtung zu schenken, wenn es um die Intimsphäre meines Gegenübers geht. Hier können Verletzungen erfolgen, die nur schwer wieder gutzumachen sind. Wenn wir uns das Bild eines Vaters vor Augen führen, der mit seinem Kind bis zu einem gewissen Alter gemeinsam badet, so finden wir vielleicht nichts Anrüchiges daran. Setzt er diese Gewohnheit aber fort, nachdem sein Kind eine gewisse persönliche Reife erlangt hat, so bekommt dieses Bild eine unangenehme Tönung, und wir machen uns zurecht Sorgen um die Intimsphäre dieses Kindes. Es liegt auf der Hand, dass ein gesundes Schamgefühl der Sexualität des Menschen zu Gute kommt. Aber wie entsteht dieses gesunde Schamgefühl, wer bestimmt die Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen? In den letzten Jahrhunderten haben dies die Menschen mit Hilfe ihres beschränkten Verstandes versucht. Im christlichen Raum wurde zeitweise die Sexualität des Menschen verteufelt, bekämpft und verurteilt. Im islamischen Raum geschah und geschieht noch heute Ähnliches, Frauen wurden in Schleier gehüllt und mancherorts verstümmelte man ihre Genitalien, um der Lust, die als weibliches Laster verstanden wurde, Einhalt zu gebieten.
© Makrohelmut / PIXELIO
All dies geschah im Namen der Religion und des Glaubens, aber bei näherem Hinschauen waren es meist männliche Priester, die ihre Amtsgewalt missbrauchend, Dekrete aus eigenem Gutdünken erließen, vermutlich weil sie mit ihrer eigenen Sexualität nicht zurecht kamen. In der westlichen Welt, vielleicht als Reaktion auf eine übertriebene Einschränkung der sexuellen Gefühle, befinden wir uns in einer fast tabulosen Zone. Es gibt keine Orientierung mehr, alles ist erlaubt, Schamgefühle werden verdrängt und oberstes Ziel ist der eigene Spaß. Dass in einer solchen Umgebung, wo das Ichhafte dominiert, tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen selten geworden sind, verwundert nicht.

Wer könnte, so frage ich mich, die Grenzen des Schicklichen besser abstecken, als der Gottesoffenbarer selbst oder Seine hierzu autorisierten Vertreter? Hier können wir darauf vertrauen, dass die Führung von Irrtum befreit und nur zu unserem eigenen Besten ist:

"O ihr Völker der Welt! Wisset mit Gewissheit, dass Meine Gebote die Lampen Meiner liebevollen Vorsehung unter Meinen Dienern und die Schlüssel Meiner Gnade für Meine Geschöpfe sind. So ist es aus dem Himmel des Willens eures Herrn, des Herrn der Offenbarung, herabgesandt. Sollte ein Mensch die Süße der Worte kosten, welche die Lippen des Allbarmherzigen zu äußern beliebten, und wären die Schätze der Erde in seinem Besitz, so würde er sie allesamt aufgeben, um die Wahrheit auch nur eines Seiner Gebote zu verteidigen, die über dem Morgen Seiner gnädigen Fürsorge und Güte leuchten." 3

© D. Lange / PIXELIO

Keuschheit ist der zentrale Begriff, der im Bahá'í-Glauben mit der menschlichen Sexualität verbunden ist. Keuschheit bedeutet, dass der Mensch seine sexuellen Gefühle kontrollieren und lenken kann und nicht von ihnen beherrscht wird. Die Wahrung der Grenzen der Keuschheit eröffnet ihm die Möglichkeit eines lebendigen sozialen Lebens. Das Universale Haus der Gerechtigkeit schrieb:

"Keuschheit bringt keineswegs den Abbruch zwischenmenschlicher Beziehungen mit sich. Sie befreit den Menschen von der Tyrannei des allgegenwärtigen Geschlechtstriebs. Ein Mensch, der seine geschlechtlichen Triebe beherrscht, kann tiefe, dauerhafte Freundschaften mit vielen Menschen, Männern wie Frauen, haben, ohne dabei jenes einzigartige, kostbare Band, das Mann und Frau verbinden sollte, jemals zu beschmutzen." 4

Das individuelle Streben nach der Verwirklichung eines keuschen, heiligen, sozial lebendigen Lebensstils hat zweifellos Auswirkungen in der Gesellschaft, wo viel Leid infolge von gescheiterten Ehen entstanden ist. Schließlich stehen Familien an der Basis einer jeden Gemeinschaft.
© ad / PIXELIO

"Der Bahá'í-Maßstab ist sehr hoch, vor allem, wenn er mit den völlig verderbten Sitten der heutigen Welt verglichen wird. Unser Maßstab jedoch wird gesündere, glücklichere, edlere Menschen schaffen und zu haltbareren Ehen führen." 5

Die Ehe ist der Raum, wo sich die menschliche Sexualität am besten entfalten kann und dazu beiträgt eine geistige, ewige Beziehung zu beleben und zu stärken.

"Wenn daher das Volk Bahás zu heiraten gedenkt, muss dieser Bund eine echte Beziehung, ein geistiges wie körperliches Zusammenfinden sein, so dass diese Verbindung in allen Lebensabschnitten und Welten Gottes fortdauert, denn diese wahre Einheit ist ein Lichtstrahl der Liebe Gottes." 6

Stellen wir uns eine Welt vor, in welcher der hohe Maßstab einer vollkommenen Keuschheit, wie sie Bahá'u'lláh bildlich für Seine Jünger entwirft, Wirklichkeit geworden ist. Würden wir uns in einer solchen Welt nicht viel freier, sicherer und ungezwungener bewegen können?

"Der ist Mein wahrer Jünger, der, käme er in ein Tal aus reinem Gold, geradewegs hindurchzöge, darüber schwebend wie eine Wolke, weder sich wendend noch rastend. Ein solcher Mensch gehört wahrlich zu Mir. Von seinem Gewande kann die Schar der Höhe den Duft der Heiligkeit atmen ... Und wenn er der schönsten, anmutigsten Frau begegnete, fühlte er sein Herz auch nicht vom leisesten Schatten eines Verlangens nach ihrer Schönheit verführt. Ein solcher Mensch ist wahrlich ein Geschöpf makelloser Keuschheit. Dies lehrt dich die Feder des Altehrwürdigen der Tage, wie es ihr geboten wurde von deinem Herrn, dem Allmächtigen, dem Allgütigen." 7
© Karin Passmann / PIXELIO

Der Umgang mit unserer eigenen Sexualität ist eine tägliche Aufgabe. Das Universale Haus der Gerechtigkeit beschrieb sie weiter oben als "allgegenwärtig". Keuschheit sollte nicht als Askese oder Puritanismus missverstanden werden. Die Freuden, die diese Welt zu bieten hat, schrieb Bahá'u'lláh, stünden uns offen:

"Genießet, o Menschen, die guten Dinge, die Gott euch erlaubt, und beraubt euch nicht selbst Seiner wunderbaren Gaben. Bringet Ihm Dank und Preis, und gehöret zu den wahrhaft Dankbaren." 8

Die wichtigste Aufgabe des Menschen in dieser irdischen Welt ist es, seinen Schöpfer zu erkennen und anzubeten. Nichts sollte auf dieser geistigen Reise zwischen ihn und den Schöpfer treten und diese Liebesbeziehung trüben. Letztlich ist auch der menschliche Körper ein Tempel Gottes, den wir würdevoll und mit Augenmaß behandeln sollten:

"Schmücke deinen Tempel mit der Zier Meines Namens, deine Zunge mit Meinem Gedenken und dein Herz mit der Liebe zu Mir, dem Allmächtigen, dem Höchsten." 9

Im Begriff der Keuschheit ist m.E. unter anderem die Tugend der Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit enthalten, über die Bahá'u'lláh im vierten Taráz (Schmuck) folgendes sagt:

© ich / PIXELIO
"Das vierte Taráz betrifft die Vertrauenswürdigkeit. Wahrlich, sie ist die Pforte zur Sicherheit für alle Erdenbewohner und ein Zeichen der Herrlichkeit von Seiten des Allbarmherzigen. Wer daran teilhat, besitzt in der Tat die Schätze des Wohlstandes und des Glücks. Vertrauenswürdigkeit ist das weite, breite Tor zur Ruhe und Sicherheit des Volkes. In Wahrheit ist ohne sie, heute wie eh und je, nichts von Bestand. Alle Bereiche der Macht, Größe und Wohlfahrt leuchten in ihrem Licht." 10

Der bewusste Umgang mit unserer Sexualität hilft uns, auch weitere geistige Eigenschaften, wie Geduld, Treue, Reinheit, Bescheidenheit und Anstand, um nur einige zu nennen, zu entwickeln. Eigenschaften, die eine leidende Gesellschaft dringend benötigen würde. Shoghi Effendi schrieb:

"Was die Welt heute braucht, ist der Bahá'í-Geist. Die Menschen haben Sehnsucht nach Liebe, nach einem hohen sittlichen Maßstab, zu dem sie aufschauen können, aber auch nach einer Lösung ihrer vielen schweren Probleme. Die Bahá'í sollten die Menschen, denen sie begegnen, mit dem warmen, lebenspendenden Bahá'í-Geist überschütten. Dies wird, verbunden mit der Lehrarbeit, unweigerlich die aufrichtigen Wahrheitssucher zum Glauben hinziehen." 11

Die Kraft der Sexualität ist eine Wirklichkeit, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten. Sie kann uns viele Freuden bescheren, Nähe und Zärtlichkeit erfahren lassen, unser irdisches Leben bereichern und uns helfen geistige Werte zu erwerben. Aber ohne unseren bewussten Umgang mit ihr kann sie eine zerstörende Wirkung entfalten. 'Abdu'l-Bahá mahnte uns:

© Rita Köhler / PIXELIO
"Leidenschaft ist eine Flamme, die schon ungezählte Male die Ernte des Lebens vieler Gebildeter zu Asche verbrannt hat, ein allverzehrendes Feuer, das sich selbst mit dem Meer ihres aufgespeicherten Wissens nicht löschen ließ. Wie oft ist es schon geschehen, dass jemand mit allen Attributen des Menschentums gesegnet war, das Kleinod wahren Verstehens besaß, aber dennoch seinen Leidenschaften nachging, bis seine außergewöhnlichen Eigenschaften die Grenzen der Mäßigung überschritten und er sich zu Ausschweifungen hinreißen ließ. Seine guten Absichten wandelten sich zum Bösen, seine Anlagen waren nicht länger auf Ziele gerichtet, die ihrer wert waren, und die Macht seiner Begierden lenkte ihn von der Rechtschaffenheit und ihrem Lohn ab auf gefährliche und dunkle Wege. In den Augen Gottes, Seiner Erwählten und aller Einsichtsvollen ist ein guter Charakter das Erhabenste und Lobenswerteste, was es gibt, jedoch immer unter der Voraussetzung, dass die Quelle seiner Ausstrahlung Vernunft und Erkenntnis sind, und dass er wahre Mäßigung zur Grundlage hat." 12

  1. Bahá'u'lláh zitiert in: Shoghi Effendi, Das Kommen Göttlicher Gerechtigkeit, Frankfurt/Main 1969, S. 53f.
  2. Bahá'u'lláh zitiert in: Shoghi Effendi, Der Verheißene Tag ist gekommen, Frankfurt/Main 1967, S. 176.
  3. Bahá'u'lláh, Kitáb-i-Aqdas, Hofheim-Langenhain 2000, S. 28.
  4. Aus einem Brief im Auftrag des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 8. Mai 1979 an einen Gläubigen, zitiert in: Ein keusches, heiliges Leben, Hofheim 1996, S. 14.
  5. Aus einem Brief im Auftrag Shoghi Effendis vom 19. Oktober 1947 an einen Gläubigen, zitiert in: Ein keusches, heiliges Leben, Hofheim 1996, S. 12.
  6. 'Abdu'l-Bahá zitiert in: Einheit der Familie, Hofheim-Langenhain 1982, S. 12.
  7. Bahá'u'lláh, Ährenlese 60:3, Hofheim-Langenhain 2003
  8. Bahá'u'lláh, Ährenlese 128:4, Hofheim-Langenhain 2003
  9. Bahá'u'lláh, Brief an den Sohn des Wolfes, Hofheim-Langenhain 1988, S. 55.
  10. Bahá'u'lláh, Botschaften aus Akká 4:17, Hofheim-Langenhain 1982
  11. Aus einem Brief vom 18. Dezember 1943 im Auftrag Shoghi Effendis an einen Gläubigen, zitiert in: Shoghi Effendi, Zum wirklichen Leben, Hofheim 2001, S. 20.
  12. 'Abdu'l-Bahá, Das Geheimnis Göttlicher Kultur, Oberkalbach 1973, S. 58f.

© qay / PIXELIO