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Treppen der Terassenanlagen am Berg Karmel in Haifa - Fortschreitende Gottesoffenbarung
 

(2) Fortschreitende Gottesoffenbarung

Die Bahá'í-Religion basiert im Wesentlichen auf den umfangreichen Offenbarungen Bahá'u'lláhs (1817 - 1892). Bahá'u'lláh, ein arabischer Name, heißt übersetzt "Herrlichkeit Gottes". Die Bahá'í sehen in Bahá'u'lláh den "Großen Weltenlehrer", der in allen Offenbarungsreligionen angekündigt wurde. Sie glauben an die Einheit Gottes, die Einheit aller Religionen, die Einheit aller Gottesoffenbarer und die Einheit der Menschheit.

Brunnen am Eingang zu den Bahá'í Gärten - Foto von Marco Abrar - BahaiPictures.com - Fortschreitende Gottesoffenbarung

Bahá'u'lláhs Vision der Erneuerung

umfasst in prophetischer Weitsicht alle Lebensbereiche - individuell und kollektiv. Die mit der neuen "Ausgießung des Heiligen Geistes" verbundenen Veränderungen in der Menschenwelt sind tiefst- bzw. urgründig, überaus weitreichend und umfassend. Der von Gott im 19. Jahrhundert eingeleitete globale Wandlungsprozess, dem sich heute kein Mensch mehr entziehen kann, ist keine bloße Reformation bestehender religiöser Systeme; er bewirkt vielmehr eine geistige Metamorphose, eine Mutation vom rational-mentalen zum integral-ganzheitlichen Bewusstsein. Die treibende Kraft hinter der flutartig angestiegenen Zahl der Erfindungen, den enormen wissenschaftlichen Fortschritten, technischen Errungenschaften und dem global-gesellschaftlichen Wandel entspringt dem wiederholten Eingreifen des Göttlichen in die Menschheits-Geschichte. Mit der jüngsten göttlichen Sendung ist eine Wandlungsdynamik ausgelöst worden, die den Planeten Erde auf die Größe eines "globalen Dorfes" schrumpfen lässt.

Fortschreitende Gottesoffenbarung

Phasenspezifische Göttliche Erziehung

Religion wird nicht als einmaliges bzw. abgeschlossenes Ereignis verstanden, sondern als ein fortschreitender Prozess, der die geistige und kulturelle Entwicklung der Menschheit zu allen Zeiten (auch in künftigen Jahrtausenden) immer wieder neu inspiriert, lenkt und fördert. Religion ist fortschreitend, weil sich das Bewusstsein der Menschheit weiter entwickelt und religiöse Offenbarungsimpulse diesem Wandlungsprozess angepasst sind.

Das Internationale Archivgebäude auf Terrasse 12 - Foto von Marco Abrar - BahaiPictures.com - Fortschreitende GottesoffenbarungMan kann dies als "phasenspezifische göttliche Erziehung der Menschheit" bezeichnen. Die göttlichen Lehrer passen ihre Lehrinhalte dem geistigen Fassungsvermögen der jeweiligen Entwicklungsstufe an.

Da jeder neue göttliche Lehrer stets nur das verkündet, was Gott ihm eingibt, kann zwischen den göttlichen Boten niemals ein Konkurrenzverhältnis gesehen werden. Religion ist nicht additiv, sondern fortschreitend-integrativ zu verstehen.

Zwei Bereiche einer Gottesoffenbarung

Jede göttliche Offenbarung besteht aus zwei Teilen, dem geistig-ewigen und dem sozial-praktischen Teil.

1) Im geistigen Kernbereich sind alle Offenbarungs-Religionen gleich, z.B.:
  • Es gibt nur einen Gott.
  • Das Wesen Gottes ist unsichtbar.
  • Gott ist bildlich nicht vorstellbar und mit Worten nicht beschreibbar.
  • Gott ist der Schöpfer des Universums.
  • Gott ist der Herr über alle sichtbaren und unsichtbaren Welten.
  • Gott hat mit den Menschen einen Bund geschlossen.
  • Mit jedem neuen Gottgesandten wird der Bund erneuert.
  • Religionen folgen einem Heilsplan Gottes.
  • Religion dient der geistig-sittlichen Erziehung der Menschen.
  • Alle Gottgesandten verkünden das Wort Gottes.
  • Die Zehn Gebote sind dauerhaft gültig.
  • Aufruf des Menschen zur Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe.
  • Der Mensch soll durch Befolgung der göttlichen Gesetze geistig wachsen.
  • Die Menschheit soll eine fortschreitende Kultur entfalten.
  • Der Mensch lebt nach dem Tod in geistigen Welten Gottes weiter.
Im Mittelpunkt dieses unveränderlichen Bereiches steht ein göttlicher Sitten- und Moralkodex. Der Mensch wird zur Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Rechtschaffenheit, Vertrauenswürdigkeit und Liebe aufgerufen und motiviert.

2) Im sozial-praktischen Bereich finden sich Texte zur alltäglichen persönlichen Lebensführung und zur Stellung des Individuums in der Gesellschaft. Es handelt sich um Aussagen zur Ernährung, Kleidung, Körperpflege, Gesundheit, Arbeit, Ehe, Familie, Erziehung, Berufsausübung und Bestrafung bei Vergehen. Man findet außerdem Anleitungen zum Beten und Fasten. Behandelt werden weiterhin Fragen der Erbschaft, des Besitztums, des Kalenders und der Feiertage. Themen sind zudem der Umgang mit Tieren und der natürlichen Umwelt. Das Offenbarungswerk Bahá'u'lláhs bietet zudem umfassende Anleitungen zur praktischen Verwirklichung der Einheit der Menschheit.

Der Schrein des Báb ist von schönen Gärten umgeben - Foto von Marco Abrar - BahaiPictures.com - Fortschreitende Gottesoffenbarung

Im Zuge der fortschreitenden Gottesoffenbarung werden die geistig-ewigen Kernaussagen durch Wiederholung bestätigt und zudem weiter differenziert. Die Ge- und Verbote im sozial-praktischen Bereich werden durch Gott dem Wandel der Zeit angepasst, durch jeden neuen Gottesboten geprüft, bei Bedarf aufgehoben und durch weitere ergänzt.

Die Bahá'í-Religion hat den Umfang von ca. 100 Buch-Bänden. Beide vorgenannten Offenbarungsbereiche sind überaus umfangreich und sehr differenziert übermittelt. Es ist gerade der sozial-praktische Teil, der sich von allen bisherigen Religionen weitgehend unterscheidet und deshalb für die heutige Menschheit so bedeutsam ist, weil die neuen praktisch-sozialen Schriften den aktuellen Bedürfnissen und Problemen der heutigen Menschenwelt angepasst sind. Dieser Offenbarungsbereich wurde durch den allwissenden Arzt verordnet, um die Krankheiten und Leiden der heutigen Menschheit umfassend und tiefgründig zu heilen.

Fortschreitende Gottesoffenbarung - Zwei Offenbarungsbereiche

Weltreligionen in neuem Licht

Die Bahá'í-Religion ermöglicht als erste Weltreligion eine integrierende Betrachtung aller bisherigen Weltreligionen. Über die Lehre der fortschreitenden Gottesoffenbarung sind alle bestehenden Religionskonflikte grundsätzlich und restlos überwindbar. Die Bahá'í-Religion verbindet alle Weltreligionen zu der "einen Religion Gottes".

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Bahá'í alle bisherigen Gottesoffenbarer verehren und deren geistig-ewige Aussagen akzeptieren. In den Bahá'í-Häusern der Andacht werden Texte aus den Heiligen Büchern aller Offenbarungsreligionen verlesen. Menschen, die sich zu Bahá'u'lláh bekennen, müssen keinesfalls ihre Treue und Liebe zum Stifter ihrer bisherigen Religion aufgeben!

Der nachstehende Textauszug aus "Die Bahá'í, eine Publikation der Bahá'í International Community" ergänzt dieses Thema sehr eindrucksvoll:

Die Oberen Terrassen am Berg Karmel - Foto von Marco Abrar - BahaiPictures.com - Fortschreitende GottesoffenbarungBahá'í jüdischer Herkunft
verehren Moses als Offenbarer der Zehn Gebote und würdigen den Beitrag des Judentums zum Verständnis der gesamten Menschheit für die Bedeutung des Gehorsams gegenüber dem Moralgesetz. Und in Bahá'u'lláh erkennen sie das Erscheinen des von Jesaja verheißenen "Herrn der Heerscharen", herabgekommen mit "Zehntausend Heiligen", um den Völkern den Weg zu weisen "ihre Schwerter zu Pflugscharen" zu machen.

Bahá'í buddhistischer Herkunft
verehren Buddha und würdigen Seine Lehren über Loslösung, Meditation und Friedfertigkeit als große Bereicherung der Weltkultur. Zudem erkennen sie, dass Bahá'u'lláh die Verheißung über das Kommen des "Buddha Maitreya, des Buddha universeller Gemeinschaft" erfüllt, der nach buddhistischer Überlieferung der ganzen Menschheit Friede und Erleuchtung bringen wird.

Bahá'í hinduistischer Herkunft
sind fest vom Beitrag des Hinduismus zum Verständnis der Menschheit von Gott als der alldurchdringenden höchsten Wirklichkeit sowie der geistigen Natur der menschlichen Wirklichkeit überzeugt. Sie sehen Bahá'u'lláh als die letzte Inkarnation Krishnas, den "Zehnten Avatara" und den "Größten Geist", der "wenn die Tugend nachlässt", in "jedem Weltalter wiederkehrt", um "die Rechtschaffenheit fest wieder herzustellen", wie es in der Bhagavadgita verheißen ist.
Das Zentrum des Studiums der Heiligen Texte - Foto von Marco Abrar - BahaiPictures.com - Fortschreitende Gottesoffenbarung
Für Bahá'í christlicher Herkunft
sind die Lehren Christi über Liebe, Nächstenliebe und Vergebung eine unschätzbare Gabe Gottes an die Menschheit, ebenso das beispielhafte Leben Christi und Sein Kreuzesopfer. In Bahá'u'lláh sehen sie die Erfüllung der Verheißung Christi, dass Er wiederkehren werde "in der Herrlichkeit Seines Vaters", alle Völker der Erde zu versammeln, auf dass es nur "eine Herde und einen Hirten" gebe.

Bahá'í islamischen Ursprungs
sind sicher, dass die Lehren Muhammads über Gelehrsamkeit, Unterwerfung unter den Willen Gottes und die Einheit Gottes die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft tiefgreifend geprägt haben. In Bahá'u'lláh sehen sie die Erfüllung der Verheißung des Korans über das Kommen des "Tages Gottes" und die "Große Verkündigung", wenn "Gott von Wolken überschattet" herabkommen werde.

Bahá'í sind außerdem sicher, dass die geistige Führung, die in anderen Religionen - wie im Jainismus, Sikhismus, der zarathustrischen Religion, den Religionen der Eingeborenen Afrikas, Amerikas und Asiens - zu finden ist, in gleicher Weise dazu diente, der Menschheit Kenntnis von ihrem Schöpfer zu vermitteln und die Menschen zu lehren, wie sie ihr Leben am segensreichsten führen können.

Universales Haus der Gerechtigkeit und Zentrum zum Studium der Heiligen Texte - Foto: http://media.bahai.org

Kirchenaustritt

Wie bereits ausführlich dargelegt wurde, sind alle bisherigen Offenbarungsreligionen in ihrem geistigen Kernbereich vereinbar. Lediglich die sozial-praktischen Aspekte unterscheiden sich, da sie durch Gott auf die jeweiligen Erfordernisse eines Zeitalters ausgerichtet sind. Fortschreitende Gottesoffenbarung geht stets mit einem Wandel der sozial-praktischen Inhalte einher.

In der Bahá'í-Offenbarung werden erstmals in der Religionsgeschichte sozial-praktische Aspekte angesprochen, die erst in diesem neuen Zeitalter realisierbar sind, d.h. in vergangenen Jahrhunderten nicht hätten verwirklicht werden können. Erst jetzt ist die Menschheit zu all jenen technischen Leistungen fähig, die für den Wachstumsprozess "Einheit der Menschheit" praktisch benötigt werden. Man denke an die Verkehrs- und Kommunikationstechnologie.

Eingang zum Universalen Haus der Gerechtigkeit - Foto: http://media.bahai.orgJedes neue religiöse Zeitalter beginnt
  • mit einer neuen Ausgießung des Heiligen Geistes, durch die das betreffende Zeitalter geprägt wird.
  • mit einem erneuten Eingriff Gottes in die Menschheitsgeschichte, durch den für die Menschheit neue Wachstumsimpulse gegeben und neue Entwicklungspotentiale bereitgestellt werden.
  • mit einer neuen Gottesoffenbarung, die der Menschheit den aktuellen Willen Gottes verkündet, neuen geistigen Lehrstoff vermittelt und neue geistige Lernziele erläutert.
  • mit einer neuen Zeitrechnung (Kalender).
  • mit neuen sozial-praktischen Aspekten auf einer neuen Religionsstufe zur Gestaltung der Alltagswirklichkeiten.
Nach diesen Vorbemerkungen wird unmittelbar deutlich, warum ein Wahrheitssucher aus der Kirche (oder Sekte) austreten muss, um Bahá'í werden zu können. Im Christentum gibt es nicht "die Kirche", sondern über 2.000 verschiedene Glaubensrichtungen (Kirchen und Sekten). Jede Kirche unterscheidet sich von allen anderen Kirchen in der Auslegung der Heiligen Schriften und der Administration.
Zentrum zum Studium der Heiligen Texte - Foto: http://media.bahai.orgAdministration zählt zu den sozial-praktischen Aspekten einer Religion. Da diese bekanntlich mit jeder neuen Gottesoffenbarung aufgehoben und außer Kraft gesetzt wird, ist der Kirchenaustritt ein folgerichtiger und unvermeidlicher Schritt.

Die Bahá'í-Religion verfügt als neue und jüngste Weltreligion über göttlich geoffenbarte Aspekte zum Aufbau einer demokratischen Ordnung, die mit keiner bestehenden Administration anderer Religionsgemeinschaften kompatibel ist.

"Kirchenaustritt" bedeutet jedoch nicht "Abwendung vom Christentum". "Kirchenaustritt" meint nicht "Abwendung von Christus". In den Glaubensbekenntnissen der großen Kirchen wird "Christentum" und "Kirche" gleichgesetzt. Die damit beabsichtigte Bindung der Gläubigen an die "Mutter Kirche" ist eine psychologische Maßnahme, jedoch kein Ausdruck differenzierten Denkens.

Für Bahá'í sind "Christentum" und "Kirche" zweierlei. Jeder Bahá'í ist zugleich auch Christ, weil er Christus und dessen geistige Botschaft anerkennt. Ein Bahá'í verehrt alle bisherigen Gottesoffenbarer als göttliche Lehrer der "einen Religion Gottes". Für Bahá'í stellen alle Gottesoffenbarer eine Einheit dar, quasi eine einzige Familie heiligster Seelen (siehe die "Erzählung" betreffs Pilgerreise im Persönlichen Nachwort).

Zentrum zum Studium der Heiligen Texte - Foto: http://media.bahai.org