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Wahre Zivilisation"O Volk Gottes! Sei nicht mit dir selbst beschäftigt. Befasse dich mit der Besserung der Welt und der Erziehung der Nationen." (Bahá'u'lláh)Die Religion als Grundlage der Zivilisation Nach der Bahá'í-Anschauung sind die Probleme des menschlichen Lebens, sowohl die des einzelnen als die der Gesellschaft, derart unbegreiflicher und verwickelter Art, dass sie der gewöhnliche menschliche Verstand von sich aus nicht richtig zu lösen vermag. Nur der Allwissende kennt den Sinn der Schöpfung vollkommen und weiß, wie dieser Sinn erfüllt werden kann. Durch die Offenbarer zeigt Er der Menschheit das wahre Ziel des menschlichen Lebens und den rechten Weg zum Fortschritt. Der Aufbau einer wahren Zivilisation hängt davon ab, dass man sich gläubig an die Führung der prophetischen Offenbarung hält. Bahá'u'lláh spricht: "Die Religion ist das vortrefflichste Mittel für die Ordnung der Welt und für die Ruhe aller lebenden Wesen. Die Schwäche der Pfeiler der Religion hat die Unwissenden ermutigt und sie dreist und anmaßend gemacht. Wahrlich, Ich sage, was immer die erhabene Stellung der Religion erniedrigt, wird die Widerspenstigkeit der Gottlosen vermehren und hat schließlich Anarchie zur Folge ...Betrachtet die Zivilisation der Menschen im Westen, wie sie Erregung und Aufruhr unter dem Volk der Welt verursacht hat. Hölleninstrumente wurden ersonnen und solche Greuel haben sich ausgebreitet in der Zerstörung des Lebens, wie Ähnliches nie gesehen wurde vom Auge der Welt noch gehört vom Ohr der Nationen. Es ist unmöglich, diese heftigen, überwältigenden Übel zu ändern, es sei denn, die Völker der Welt einigen sich auf einen sicheren Ausweg oder im Schatten einer Religion ... O Volk Bahás! Jedes der geoffenbarten Gebote ist eine starke Festung für den Schutz der Welt." (Bahá'u'lláh, Worte des Paradieses.) Der gegenwärtige Zustand Europas und der Welt im allgemeinen bestätigt beredt die Wahrheit dieser Worte, die schon so viele Jahre zuvor geschrieben wurden. Die Nichtbeachtung der Gebote der Offenbarer und das Vorherrschen der Religionslosigkeit wurden begleitet von Unordnung und Zerstörung schrecklichster Art, und ohne Wandlung der Herzen und Ziele, was das wesentliche Kennzeichen wahrer Religion ist, scheint die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft eine völlige Unmöglichkeit zu sein. ![]() Gerechtigkeit In dem Büchlein Verborgene Worte, worin Bahá'u'lláh kurz das Wesentlichste der prophetischen Lehren gibt, bezieht sich Sein erster Rat auf das Leben des einzelnen: "Besitze ein reines, gütiges und strahlendes Herz." Der nächste Rat zeigt uns das Hauptprinzip des wahren Gemeinschaftslebens: "O Sohn des Geistes! Gerechtigkeit ist in Meinen Augen das Kostbarste; wende dich nicht von ihr ab, wenn du nach Mir verlangst, und missachte sie nicht, damit Ich dir vertrauen kann. Durch ihre Hilfe wirst du mit deinen eigenen Augen und nicht mit denen anderer sehen und durch die eigene Erkenntnis und nicht durch die deines Nächsten Wissen erlangen. Erwäge in deinem Herzen, wie du sein solltest. Wahrlich: Gerechtigkeit ist Meine Gabe an dich und das Zeichen Meiner liebenden Güte. Halte sie dir immer vor Augen." (Bahá'u'lláh, Verborgene Worte, arab. 1, 2.) Das Wesentlichste für das Gemeinschaftsleben ist, dass der einzelne fähig wird, das Wahre vom Falschen und das Recht vom Unrecht zu unterscheiden, und dass er die Dinge stets in ihrem richtigen Verhältnis sieht. Die Selbstsucht ist die größte Ursache geistiger und sozialer Blindheit und der größte Feind gemeinschaftlichen Fortschritts. Bahá'u'lláh spricht: ![]() "O ihr Söhne der Einsicht! Das dünne Augenlid verhindert das Auge, die Welt und das, was in ihr ist, zu sehen. Denkt nun aber, wie es sein wird, wenn der Vorhang der Gier das Gesicht des Herzens bedeckt! O Menschen! Die Finsternis der Gier und des Neides verdunkelt das Licht der Seele, wie die Wolke das Durchdringen der Sonnenstrahlen verhindert." (Bahá'u'lláh, Tablet to some Persian Zoroastrian Bahá'ís.) Lange Erfahrung überzeugt den Menschen schließlich von der Wahrheit der prophetischen Lehren, dass selbstsüchtige Anschauungen und Taten unvermeidlich zu sozialem Unheil führen, und dass jeder, wenn die Menschheit nicht schimpflich umkommen will, auf das, was seines Nebenmenschen ist, mit demselben Nachdruck sehen muss wie auf seinen eigenen Vorteil, dass er überhaupt seinen eigenen Nutzen dem der Menschheit als eines Ganzen unterordnen muss. In dieser Weise wird zuletzt der Nutzen eines jeden und aller am besten gewahrt. Bahá'u'lláh spricht: "O Sohn des Menschen! Würdest du Barmherzigkeit beachten, dann würdest du nicht auf deinen eigenen Nutzen, sondern auf den Nutzen der Menschheit sehen. Würdest du Gerechtigkeit beachten, dann würdest du für andere nur wählen, was du für dich selbst erwählst." (Bahá'u'lláh, Worte des Paradieses.) ![]() Regierung Die Lehren von Bahá'u'lláh enthalten zwei verschiedene Arten von Hinweisen auf die Frage wahrer sozialer Ordnung. Ein Vorbild ist in den Sendschreiben erläutert, die an die Könige offenbart sind, die es mit dem Problem der Regierung zu tun haben, wie sie in der Welt während Bahá'u'lláhs Erdenleben bestanden hat. Die anderen Hinweise sind für die neue Ordnung, die in der Bahá'í-Gemeinschaft selbst zu entwickeln ist. Hierdurch entsteht der scharfe Gegensatz zwischen solchen Stellen wie: "Der eine, wahre Gott - erhaben sei Seine Herrlichkeit - hat immer die Herzen der Menschen als Seinen eigenen, ausschließlichen Besitz angesehen und wird dies immer tun. Alles andere, ob zu Land oder zur See, ob Reichtum oder Ruhm, hat Er den Königen und Herrschern der Erde gegeben" - und "Heute geziemt es allen Menschen, sich an den Größten Namen zu klammern und die Einheit der ganzen Menschheit zu errichten. Außer Ihm gibt es keinen Ort, wohin man fliehen, und keine Zuflucht, die man suchen könnte." (Ährenlese aus den Schriften Bahá'u'lláhs, Kap. CII, C.) Die scheinbare Unvereinbarkeit dieser beiden Gesichtspunkte ist beseitigt, wenn wir den Unterschied beachten, den Bahá'u'lláh zwischen dem "Geringeren Frieden" und dem "Größten Frieden" macht. In Seinen Sendschreiben an die Könige fordert sie Bahá'u'lláh auf, zusammenzukommen und Maßnahmen zur Verwirklichung des politischen Friedens, der Beschränkung der Kriegsrüstungen und der Beseitigung der Belastung und Unsicherheit der Schwachen zu ergreifen. Jedoch lassen Seine Worte vollkommen klar erkennen, dass ihr Nichteingehen auf die Erfordernisse der Zeit Kriege und Aufstände zur Folge haben würden, die zum Untergang der alten Ordnung führen würden.Daher sagt Er einerseits: "Heute muss die Menschheit Gehorsam gegenüber den Mächtigen erzeigen ..." (Ährenlese aus den Schriften Bahá'u'lláhs, S. 135) und andererseits: "Die Menschen, die den Tand und Zierrat der Erde angehäuft und sich verächtlich von Gott abgewandt haben, haben sowohl diese als auch die kommende Welt verloren. Bald wird ihnen Gott mit mächtiger Hand ihre Besitztümer nehmen und sie des Gewandes Seiner Güte berauben ..." "Wir haben eine festgesetzte Frist für euch, o Völker! Wenn ihr verfehlt, euch zu jener bestimmten Stunde Gott zuzuwenden, wird Er euch wahrlich gewaltsam erfassen und schreckliche Not von allen Seiten über euch kommen lassen ..." "Die Zeichen drohender Schwäche und des nahen Chaos sind heute zu erkennen, da die bestehende Ordnung bejammernswert unvollkommen er-scheint..." "Wir haben Uns gelobt, deinen Sieg auf Erden zu sichern und Unsere Sache über alle Menschen zu erheben, selbst wenn sich kein König fände, der dir seinen Blick zuwendete." "In dem Wunsche, die Vorbedingungen für den Frieden und die Ruhe der Welt und für den Fortschritt ihrer Völker zu offenbaren, hat das Erhabene Wesen geschrieben: Die Zeit muss kommen, da die gebieterische Notwendigkeit zur Abhaltung einer ausgedehnten und allumfassenden Versammlung der Menschen universal erkannt wird. Die Herrscher und Könige der Erde müssen ihr unbedingt beiwohnen und, an ihren Beratungen teilnehmend, solche Wege und Mittel erwägen, die den Grund zum Größten Weltfrieden unter den Menschen legen. Ein solcher Friede erfordert, um der Ruhe der Völker der Erde willen, dass die Großmächte sich zu völliger Versöhnung untereinander entschließen. Sollte ein König die Waffen gegen einen anderen ergreifen, so müssen sich alle vereint erheben und ihn daran hindern." (Ährenlese am den Schriften Bahá'u'lláhs, Kap. CM, CVIII, CX, CXV1, CXVII.) Durch solchen Ratschlag offenbarte Bahá'u'lláh die Bedingungen unter denen die öffentliche Verantwortlichkeit an diesem Tage Gottes erfüllt werden muss. Indem Er auf der einen Seite den internationalen Zusammenschluss forderte, warnte Er die Herrscher nicht weniger deutlich, dass die Fortdauer des Streites ihre Macht vernichten würde. Wie die neue Geschichte diese Warnung ja bestätigt: in dem Anschwellen jener zwangsläufigen Bewegungen, die in allen zivilisierten Nationen solche zerstörende Kraft erreicht haben, und in der Entwicklung des Kriegswesens bis zu dem Grade, dass der Sieg nicht mehr von irgendeinem Beteiligten erreichbar ist."Da ihr den Allergrößten Frieden zurückgewiesen habt, haltet euch nun fest an diesen, den Geringeren Frieden, damit ihr bis zu einem gewissen Grade wenigstens eure eigene Lage und die eurer Untertanen bessert ..." "Was der Herr als höchstes Mittel und mächtigstes Werkzeug für die Heilung der ganzen Welt bestimmt hat, ist die Vereinigung aller ihrer Völker in einer allumfassenden Sache, einem gemeinsamen Glauben. Das kann nicht anders erreicht werden als durch die Kraft eines erfahrenen, allgewaltigen und erleuchteten Arztes." (Ährenlese aus den Schriften Bahá'u'lláhs, Kap. CXIX, CXX.) Mit dem Geringeren Frieden ist eine politische Staateneinheit gemeint, während der Größte Friede eine Einheit ist, die sowohl geistige als auch politische und wirtschaftliche Faktoren umfasst. "Bald wird die heutige Ordnung aufgerollt und eine neue an ihrer Statt entfaltet werden." (Ährenlese aus den Schriften Bahá'u'lláhs, Kap. IV) In früheren Zeiten konnte eine Regierung sich mit äußerlichen Fragen und materiellen Angelegenheiten beschäftigen, heute aber verlangt die Regierungstätigkeit die Eigenschaften des Führertums, der Heiligung und der geistigen Erkenntnis, die nur für diejenigen möglich ist, die sich Gott zugewandt haben. ![]() Politische Freiheit Obschon Bahá'u'lláh als idealen Zustand eine repräsentative Regierungsform, örtlich, national und international, befürwortet, lehrt Er doch, dass diese nur dann möglich ist, wenn die Menschen einen genügend hohen Grad individueller und sozialer Entwicklung erreicht haben. Dem noch unerzogenen, von selbstsüchtigen Begierden beherrschten Volk, das in der Führung der öffentlichen Angelegenheiten noch keine Erfahrung hat, plötzlich eine völlige Selbstregierung zu geben, würde unheilvoll sein. Es ist nichts gefährlicher als Freiheit für Menschen, die nicht tauglich sind, diese weise zu gebrauchen. Bahá'u'lláh schreibt im Buch Aqdas: "Betrachte die Kleingeistigkeit der Menschen! Sie verlangen nach dem, was ihnen schadet, und verwerfen, was ihnen nützt. Sie gehören in der Tat zu denen, die weit vom rechten Weg abgeirrt sind. Wir finden Menschen, die nach Freiheit verlangen und stolz darauf sind. Solche Menschen befinden sich in den Tiefen der Unwissenheit. Freiheit muss letzten Endes zum Aufruhr führen, dessen Flammen niemand löschen kann. Also warnt euch der Fordernde, der Allwissende. Wisse, dass die Verkörperung der Freiheit und ihr Sinnbild das Tier ist." "Was dem Menschen ziemt, ist die Unterwerfung unter solche Gesetze, die ihn vor seiner eigenen Unwissenheit beschützen und ihn vor dem Schaden der Unheilstifter bewahren. Freiheit veranlasst den Menschen, die Grenzen des Angemessenen zu überschreiten und die Würde seiner Stufe zu verletzen. Sie drückt ihn auf die Ebene äußerster Verderbtheit und Gottlosigkeit herab. Seht die Menschheit als eine Schafherde an, die einen Hirten zu ihrem Schutze braucht. Dies ist die Wahrheit, die unumstößliche Wahrheit. Wir billigen die Freiheit unter gewissen Umständen und verwerfen es, sie unter anderen gutzuheißen. Wahrlich, Wir sind der Allwissende. Sprich: Wahre Freiheit besteht in der Unterwerfung des Menschen unter Meine Gebote, so wenig ihr es auch begreifen mögt. Würden die Menschen das befolgen, was Wir aus dem Himmel der Offenbarung auf sie hernieder sandten, so würden sie sicherlich vollkommene Freiheit erringen. Glücklich ist der Mensch, der die Absicht Gottes in allem erkannt hat, was Er aus dem Himmel Seines Willens, der alles Erschaffene durchdringt, offenbarte. Sprich: Die Freiheit, die euch nützt, findet ihr nur in vollkommener Dienstbarkeit unter Gott, der Ewigen Wahrheit. Wer ihre Süße gekostet hat, wird es verschmähen, sie gegen alle Herrschaft der Erde und des Himmels einzutauschen."(Bahá'u'lláh, Kìtáb-i-Aqdas.) Für die Hebung der Lage unentwickelter Rassen und Nationen sind die göttlichen Lehren das vornehmste Heilmittel. Wenn sowohl Volk als Politiker sich um diese Lehren bemühen und sie annehmen, dann werden die Völker von allen ihren Fesseln befreit. Herrscher und Untertanen Bahá'u'lláh verbietet in nachdrücklichster Weise Tyrannei und Unterdrückung. In den Verborgenen Worten schreibt Er: "O ihr Bedrücker auf Erden! Macht euch nicht der Unterdrückung schuldig, denn Ich habe gelobt, keines Menschen Ungerechtigkeit zu vergeben. Dies ist Mein Bund, den Ich auf der verwahrten Tafel unwiderruflich verkündet und mit Meinem Siegel der Herrlichkeit besiegelt habe." (Bahá'u'lláh, Verborgene Worte, pers. 64.)Wem die Formgebung und die Anwendung der Gesetze anvertraut ist, muss sich, wie Bahá'u'lláh sagt, "fest an das Seil der Beratung halten und sodann beschließen und ausführen, was Sicherheit, Reichtum, Ruhe und Wohlfahrt des Volkes fördert. Denn wenn sie die Angelegenheiten anders bewerkstelligen, wird es in Uneinigkeit und Aufruhr auslaufen." (Bahá'u'lláh, Sendschreiben über die Welt) Das Volk andererseits muss gesetzestreu und einer gerechten Regierung ergeben sein. Um bessere Zustände in den Angelegenheiten der Völker zu zeitigen, muss sich das Volk auf erzieherische Systeme und auf die Macht des guten Beispiels stützen und nicht auf Gewalttätigkeiten. Bahá'u'lláh spricht: "In welchem Land sich auch diese Gemeinschaft befinden mag, der Regierung jenes Landes gegenüber muss sie Treue, Vertrauenswürdigkeit und Gehorsam erweisen." (Bahá'u'lláh, Frohe Botschaften.) "O Volk Gottes! Schmücke deinen Tempel (Körper) mit dem Mantel der Vertrauenswürdigkeit und der Redlichkeit, alsdann hilf deinem Herrn mit den Heerscharen guter Taten und guter Sitten. Wahrlich, in Unseren Büchern, Sendschreiben und Tablets haben Wir euch Aufruhr und Streit verboten, und dabei hatten Wir nur eure Erhebung und Erhöhung im Auge." (Bahá'u'lláh, Ishráqát.) ![]() Ernennung und Beförderung Bei Ernennungen darf nur die Eignung für die betreffende Stellung ausschlaggebend sein. Vor diesem obersten Gesichtspunkt muss alles andere, wie höheres Dienstalter, soziale oder finanzielle Stellung, Familienverbindung oder persönliche Freundschaft zurückstehen. Bahá'u'lláh sagt im Tablet Ishráqát: "Das fünfte Ishráq (Glanz) ist das Vertrautsein der Regierungen mit den Verhältnissen der Regierten und die Verleihung von Amt und Würde nach Verdienst. Dieser Angelegenheit Beachtung zu schenken ist jedem Führer und Herrscher unbedingt zur Pflicht gemacht, auf dass vielleicht vermieden werden möge, dass sich Treulose die Stellungen der Vertrauenswürdigen aneignen oder Plünderer die Stellen der Wächter einnehmen." (Bahá'u'lláh, Ishráqát.) Es bedarf wohl kaum einer Überlegung, um zu zeigen, dass, wenn diese Grundsätze allgemein angenommen und verwirklicht werden, die Umwandlung unseres sozialen Lebens erstaunlich sein wird. Wenn jedem einzelnen die Stellung eingeräumt wird, für die er durch seine Talente besonders fähig ist, so wird er mit Herz und Seele bei seiner Arbeit sein und ein Künstler in seinem Berufe werden, zu seinem und der übrigen Welt unschätzbaren Segen. Wirtschaftliche Probleme Die Bahá'í-Lehre betont mit den eindringlichsten Worten die Notwendigkeit der Neuordnung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen reich und arm.´Abdu'l-Bahá sagt: "Die Ordnung der menschlichen Verhältnisse muss so sein, dass die Armut verschwindet, dass jeder weitmöglichst seinem Rang und seiner Stellung entsprechend an Behaglichkeit und Wohlergehen beteiligt ist. Wir sehen unter uns einerseits Menschen, die mit Reichtümern überhäuft sind, und andererseits jene Unglücklichen, die mittellos verhungern, jene, die eine Anzahl stattlicher Schlösser besitzen, und jene anderen, die nicht wissen, wo sie ihr Haupt hinlegen sollen." "Die Sachlage ist verkehrt und muss geändert werden, doch muss die Heilung sorgfältig erfolgen. Sie ist nicht dadurch zu erreichen, dass man völlige Gleichheit unter den Menschen herstellt. Gleichheit ist ein Hirngespinst. Sie ist völlig undurchführbar. Selbst wenn sich Gleichheit schaffen ließe, vermöchte sie nicht zu bestehen, und wenn ihr Fortbestand möglich wäre so würde dadurch die ganze Ordnung der Welt vernichtet werden. Das Gesetz der Ordnung muss immer in der Menschenwelt walten. So hat es der Himmel, als er den Menschen erschuf, verordnet ... Die Menschheit braucht, wie in einem großen Heer, einen General, Hauptleute, Unteroffìziere in verschiedenen Rängen, und Soldaten, jeden mit seinem eigenen Pflichtenkreis. Ränge sind zur Sicherung einer geregelten Ordnung durchaus nötig. Ein Heer vermag nicht nur aus Generälen oder Hauptleuten, oder nur aus Soldaten ohne Vorgesetzte zu bestehen ..." "Da nun aber manche Menschen außerordentlich reich und andere beklagenswert arm sind, so bedarf es einer Ordnung, die diesen Stand der Dinge überprüft und bessert. Es ist ebenso wichtig, den Reichtum zu beschränken, wie auch die Armut zu begrenzen. Keines der beiden Extreme ist gut ... Wenn wir sehen, dass Armut einen Zustand des Hungerleidens erreicht, so ist dies ein sicheres Zeichen, dass irgendwo Unterdrückung ist. Die Menschen müssen sich in dieser Frage rühren und nicht länger versäumen, Zustände zu ändern, die einen sehr großen Teil des Volkes ins Elend drückender Armut bringen. Die Reichen müssen von ihrem Überfluss abgeben, ihre Herzen erweichen und mitleidvolles Verständnis pflegen, indem sie sich um jene Beklagenswerten kümmern, denen es am Nötigsten mangelt. Besondere Gesetze müssen erlassen werden, die sich mit diesen Gegensätzen des Reichtums und des Mangels befassen ... Die Länderregierungen sollten dem göttlichen Gesetz entsprechen, das allen gleiches Recht gibt ... Nicht eher, als bis dies geschehen ist, wird Gottes Gebot befolgt sein." (´Abdu'l-Bahá, Ansprachen in Paris, S. 120, 121, 122.) ![]() Der öffentliche Haushalt ´Abdu'l-Bahá rät, dass, soweit möglich, jede Stadt, jedes Dorf oder jeder Bezirk mit der Verwaltung finanzieller Angelegenheiten innerhalb ihres eigenen Bereiches betraut werden und ihren gebührenden Teil zu den Ausgaben der Regierung beizutragen haben. Eine der hauptsächlichen Einnahmequellen soll in einer gestaffelten Einkommensteuer bestehen. Das Einkommen, das die notwendigsten Ausgaben eines Menschen nicht überschreitet, soll nicht besteuert werden. Aber in allen Fallen, wo das Einkommen die nötigen Existenzmittel überschreitet, soll eine Steuer erhoben werden. Der Prozentsatz der Steuer erhöht sich in dem Verhältnis, wie das Einkommen die notwendigen Existenzmittel übersteigt. Wenn aber andererseits jemand durch Krankheit, Missernte oder aus anderen Ursachen, für die er nicht verantwortlich ist, nicht imstande ist, ein Einkommen zu verdienen, das zur Deckung seines notwendigen Lebensbedarfs für ein Jahr reicht, so muss ihm der Teil, der ihm und seiner Familie zum Lebensunterhalt fehlt, aus öffentlichen Mitteln gewährt werden. ![]() Es gibt aber noch weitere öffentliche Einnahmequellen, z. B. aus Vermächtnissen, Bergwerken, aufgefundenen Schätzen und freiwilligen Zuwendungen. Zu den Ausgaben der Gemeinde andererseits gehören die Mittel, die für die Unterstützung der Schwachen, der Waisen, der Tauben und Blinden, für Schulen und für die Erhaltung der Volksgesundheit aufzuwenden sind. Auf diese Weise ist für das Heil und das Wohlergehen aller gesorgt. Freiwilliges Teilen In einem Brief an die Zentralorganisation für einen dauernden Frieden, geschrieben im Jahr 1919, sagte ´Abdu'l-Bahá: "Eine weitere Lehre von Bahá'u'lláh ist das freiwillige Teilen des Besitzes mit anderen Menschen. Dieses freiwillige Teilen ist größer als Gleichheit und besteht darin, dass der Mensch sich selbst nicht den andern vorziehen, sondern vielmehr sein Leben und seinen Besitz für andere opfern soll. Dies sollte aber nicht zwangsweise eingeführt werden, so dass es zu einem Gesetz erhoben wird und man genötigt ist, es zu befolgen, im Gegenteil, der Mensch sollte aus freiem Antrieb und nach eigener Wahl seinen Besitz und sein Leben für andere opfern und willig dem Armen spenden, wie das in Persien unter den Bahá'í getan wird." ![]() Arbeit für alle Eine der wichtigsten Anweisungen von Bahá'u'lláh in Bezug auf die wirtschaftliche Frage ist, dass alle Menschen einer nützlichen Arbeit nachgehen müssen. Es darf im Gemeinschaftsleben keine Drohnen, keine körperlich tauglichen Menschen als Schmarotzer der Gesellschaft geben. Er spricht: "Jedem einzelnen von euch ist es zur Pflicht gemacht, sich in einem Beruf, sei es eine Kunst, ein Gewerbe oder dergleichen, zu betätigen. Wir veranlassten, dass diese eure Arbeit dem Dienste Gottes, des Wahrhaftigen, gleich geachtet wird. Bedenkt, o Menschen, die Barmherzigkeit Gottes und Seine Gunst; alsdann dankt Ihm am Morgen und am Abend! Vergeudet eure Zeit nicht mit Müßiggang und Trägheit, sondern beschäftigt euch mit dem, was euch selbst und euren Nächsten Nutzen bringt. Dies wurde vom Horizont, von dem die Sonne der Weisheit und der göttlichen Worte strahlt, in diesem Tablet verordnet. Der Verachtetste der Menschen ist vor Gott der, welcher nur dasitzt und bettelt. Haltet euch an das Seil der Mittel im Vertrauen auf Gott, den Verursacher der Ursachen." (Bahá'u'lláh, Frohe Botschaften.) Wie viele der heutzutage in der Geschäftswelt aufgewandten Kräfte werden lediglich dazu verbraucht, die Bemühungen anderer Leute in nutzlosem Streit und Wettbewerb zu durchkreuzen und wirkungslos zu machen! Und wie oft geschieht dies auf ganz hässliche Weise! Wenn alle arbeiten würden und alle Kopf- oder Handarbeit verrichteten, die, wie Bahá'u'lláh betont, der Menschheit von großem Nutzen wäre, dann würden auch die für ein gesundes, behagliches und edles Leben vorhandenen Mittel vollauf für alle genügen. Alsdann würde kein Betrug, kein Hungerleiden, keine Entbehrung, keine industrielle Versklavung und keine gesundheitsschädigende Überarbeitung mehr vorkommen. ![]() Die Ethik des Reichtums Nach der Bahá'í-Lehre ist ein rechtmäßig erworbener und richtig angewandter Reichtum ehrenwert und lobenswert. Geleistete Dienste sollten entsprechend belohnt werden. Bahá'u'lláh sagt im Tablet Tctrázát: "Das Volk von Bahá darf sich nicht weigern, jedem die ihm gebührende Belohnung zukommen zu lassen. Es muss die Begabten achten ... Jedermann muss gerecht sein in seinen Reden und den Segen der Arbeit anerkennen." (Bahá'u'lláh, Tarázát.) In Bezug auf Zinsen aus Geld schreibt Bahá'u'lláh im Tablet Ishráqát: "Man findet, dass die meisten Menschen hierauf angewiesen sind; denn wenn kein Zins erlaubt wäre, würden die Geschäfte gehemmt und ins Stocken geraten ... Es wird selten jemand zu finden sein, der irgend jemandem Geld nach dem Grundsatz ,Qard-i-hasan' leihen möchte. Daher haben Wir als eine Gunst für die Diener verordnet, dass, so wie bei anderen Geschäftsunternehmungen, die unter den Menschen gebräuchlich sind, auch ein Nutzen aus Geld zulässig ist,... das heißt, es ist den Menschen erlaubt und gilt als gesetzmäßig und rein, Zinsen für Geld zu fordern... Aber in dieser Angelegenheit muss Mäßigung und Gerechtigkeit walten. Als eine Weisheit aus Seiner Gegenwart und als Annehmlichkeit für Seine Diener hat es die Feder der Herrlichkeit unterlassen, hierin Grenzen zu ziehen. Wir ermahnen die Freunde Gottes, ehrlich und gerecht zu handeln, so dass dadurch die Barmherzigkeit Seiner Geliebten und ihr Mitgefühl füreinander zutage treten mögen ... Die Ausführung dieser Angelegenheiten ist den Mitgliedern des Hauses der Gerechtigkeit anbefohlen, damit sie den Erfordernissen der Zeit entsprechend und mit Weisheit handeln mögen." (Bahá'u'lláh, Ishráqát.) Keine industrielle Versklavung Im Buch Aqdas verbietet Bahá'u'lláh die Sklaverei, und ´Abdu'l-Bahá erklärte, dass nicht nur die Sklaverei im allgemeinen, sondern auch die industrielle Versklavung dem Gesetz Gottes zuwider ist. Als Er im Jahre 1912 in den Vereinigten Staaten weilte, sagte Er zu den Amerikanern:"In den Jahren 1860 bis 1865 habt ihr ein wunderbares Werk verrichtet; ihr habt die Sklaverei abgeschafft. Heute aber müsst ihr noch etwas Bedeutenderes tun: ihr müsst die industrielle Versklavung abschaffen ... Die Lösung wirtschaftlicher Fragen wird nicht dadurch geschaffen, dass das Kapital der Arbeit und die Arbeit dem Kapital in Streit und Kampf gegenüber stehen, sondern beiderseits durch eine freiwillige Einstellung auf guten Willen. Dann wird eine wirkliche und dauernde Richtigstellung der Zustände gesichert sein ... Unter den Bahá'í gibt es keine erpresserische, käufliche und ungerechte Handlungsweise, keine rebellischen Forderungen, keine revolutionären Aufstände gegen vorhandene Regierungen ... Es wird in Zukunft für die Menschen nicht möglich sein, sich durch die Arbeit anderer große Reichtümer anzuhäufen. Die Reichen werden willig teilen. Sie werden allmählich, auf natürlichem Wege und durch ihren eigenen freien "Willen dazu kommen. Dies wird niemals durch Krieg und Blutvergießen erreicht werden." (´Abdu'l-Bahá, Star of the West, Bd. VII, Nr. 15, S. 147.) Nur durch freundschaftliche Beratung und Zusammenarbeit, durch gerechte Teilhaberschaft und Gewinnbeteiligung wird den Interessen sowohl des Kapitals als auch der Arbeit am besten gedient. Die schroffen Waffen des Streiks und der Aussperrung sind schädlich, und zwar nicht nur für den unmittelbar davon betroffenen Handel, sondern für die Gemeinschaft als Ganzes. Es ist daher Aufgabe der Regierung, Wege zu ersinnen, um zu verhindern, dass man seine Zuflucht zu solch barbarischen Mitteln der Beilegung des Streites nimmt. ´Abdu'l-Bahá sagte in Dublin, New Hampshire, 1912: "Nun möchte ich über das Gesetz Gottes sprechen. Nach dem göttlichen Gesetz sollte die Arbeit nicht nur mit Lohn bezahlt werden. Nein, die Arbeiter sollten vielmehr Teilhaber des Unternehmens sein. Die Frage der Sozialisierung ist sehr schwierig. Sie wird nicht durch Lohnstreiks gelöst. Alle Regierungen der Welt müssen sich vereinigen und einen Rat bilden, dessen Mitglieder aus den Volksvertretungen und den edelsten Menschen der Nationen zu wählen sind. Diese müssen mit Weisheit und Kraft einen wirkungsvollen Plan ausarbeiten, nach dem weder die Kapitalisten sehr große Verluste erleiden, noch die Arbeiter in Not geraten.Mit größter Mäßigung sollen sie das Gesetz entwerfen und dann öffentlich bekannt machen, dass die Rechte des arbeitenden Volkes wirkungsvoll gewahrt werden müssen. Auch die Rechte der Arbeitgeber sind zu schützen. Wenn ein solches allgemeines Gesetz durch beiderseitigen Willen angenommen ist und dennoch ein Streik ausbricht, so müssen einem solchen alle Regierungen der Welt gemeinsam entgegentreten. Geschieht dies nicht, so wird die Arbeiterfrage, besonders in Europa, zu großen Zerstörungen führen. Schreckliche Dinge werden sich dann ereignen. Eine der verschiedenen Ursachen eines allgemeinen europäischen Krieges wird diese Frage sein. Die Guts-, Bergwerk- und Fabrikbesitzer sollten ihr Einkommen mit ihren Arbeitern teilen und ihnen einen angemessenen Prozentsatz zukommen lassen, damit dem Arbeiter neben seinem Lohn auch ein Anteil an dem allgemeinen Gewinn des Unternehmens zufällt, wodurch er sich auch mit seiner Seele für die Arbeit einsetzt." (´Abdu'l-Bahá, Star of the West, Bd. VIII, Nr. 1 S.7.) Vermächtnis und Erbschaft Bahá'u'lláh bestimmte, dass es jedermann freistehe, bei Lebzeiten über sein Vermögen zu verfügen, wie es ihm beliebe. Er machte es aber jedem zur Pflicht, ein Testament abzufassen, mit dem er über die Verwendung seines Eigentums nach seinem Tode verfügt. Wenn jemand stirbt, ohne seinen letzten Willen hinterlassen zu haben, so soll sein Vermögen festgestellt und in gewissem festgesetztem Verhältnis unter sieben Erbschaftsklassen verteilt werden, nämlich die Kinder, Frau oder Mann, Vater, Mutter, Brüder, Schwestern und Lehrer. Die Anteile eines jeden sind von den Erstgenannten bis zu den Letzten zu staffeln. Fehlen eine oder mehrere dieser Klassen, so fließt deren Anteil in die öffentliche Kasse und soll für die Armen, die Waisen, die Witwen oder für sonstige allgemeinnützige Zwecke verwendet werden. Hinterlässt der Verstorbene keine Erben, dann fällt das gesamte Vermögen an die öffentliche Kasse. Es ist nichts im Gesetz von Bahá'u'lláh vorgesehen, was jemand daran hindern könnte, sofern es ihm beliebt, sein ganzes Vermögen einer einzigen Person zu vermachen; aber beim Abfassen ihres letzten Willens werden sich die Bahá'í natürlich nach dem Vorbild richten, das Bahá'u'lláh für den Fall aufstellte, dass jemand stirbt, ohne ein Testament gemacht zu haben. Dieser Modus sichert die Verteilung der Hinterlassenschaft an eine beträchtliche Zahl von Erben. (S. 155-170)
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