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Neuer SonnenaufgangFortschreitende OffenbarungEin großer Stein des Anstoßes, der für viele auf dem Weg zur religiösen Einheit liegt, ist der Unterschied zwischen den durch die verschiedenen Gottgesandten gebrachten Offenbarungen. Was vom einen befohlen ist, ist vom andern verboten. Wie können beide recht haben? Wie können beide den Willen Gottes verkündigen? Es gibt doch sicherlich nur eine Wahrheit, und die kann nicht verändert werden. Ja, die absolute Wahrheit ist eine und kann nicht verändert werden. Aber die absolute Wahrheit steht unendlich über der gegenwärtigen Stufe menschlichen Verstehens, und unsere Vorstellung von ihr muss sich beständig ändern. Unsere früheren unvollkommenen Gedanken werden durch die Gnade Gottes im Laufe der Zeit durch immer mehr zutreffende Vorstellungen ersetzt. In einem Tablet an einige persische Bahá'í schreibt Bahá'u'lláh:"O Menschenkinder! Die Worte werden geoffenbart der Fassungskraft gemäß, damit die Anfänger Fortschritte machen können. Die Milch muss im richtigen Verhältnis gegeben werden, damit der Säugling der Welt in das Reich der Größe gelange und in den Hof der Einheit eingeführt werde." Es ist die Milch, die den Säugling kräftigt, damit er später imstande ist, festere Speisen zu verdauen. Wenn wir daher sagen wollten, weil der eine Offenbarer, der zu einer gewissen Zeit eine bestimmte Lehre bringt, der richtige ist, müsse ein anderer, der zu einer anderen Zeit eine von der ersteren abweichende Lehre bringt, ein falscher Offenbarer sein, so wäre dies gleichbedeutend als wenn man sagen würde, da Milch die beste Nahrung für das neugeborene Kind ist, so müsse Milch und nichts als Milch auch die Nahrung der Erwachsenen sein und jede andere Kost sei falsch. ´Abdu'l-Bahá sagt: "Jede göttliche Offenbarung besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist der wesentliche und gehört der ewigen Welt an. Er besteht in der Darlegung der göttlichen Wahrheiten und der Hauptgrundsätze. Er ist der Ausdruck der Liebe Gottes. Dieser Teil ist der gleiche in allen Religionen, unverständlich und unwandelbar. Der zweite Teil ist nicht ewig. Er befasst sich mit dem praktischen Leben, mit geschäftlichen Dingen und ändert sich je nach der Entwicklung des Menschen und den Erfordernissen der Zeit eines jeden Offenbarers. Zum Beispiel: Im mosaischen Zeitalter wurde einem Menschen zur Strafe für einen kleinen Diebstahl die Hand abgehauen. Es gab ein Gesetz, das hieß: "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Da aber zur Zeit Christi diese Gesetze nicht mehr angemessen waren, so wurden sie abgeschafft. So waren auch die Ehescheidungen derart allgemein geworden, dass keine bestimmten Ehegesetze mehr vorhanden waren, weshalb Seine Heiligkeit Christus die Ehescheidung verbot.Den Erfordernissen der Zeit entsprechend offenbarte Seine Heiligkeit Moses zehn Gesetze für schwere Bestrafung. Zu jener Zeit war es unmöglich, die Gemeinschaft zu beschützen und eine soziale Sicherheit zu gewährleisten ohne diese strengen Maßnahmen, denn die Kinder Israel lebten in der Wüste Tah, wo kein Gerichtshof und keine Strafanstalten vorhanden waren. Aber zur Zeit Christi waren diese Lebensgesetze nicht mehr nötig. Die Geschichte des zweiten Teils der Religion ist unwichtig, weil sie sich nur auf die Gebräuche dieses Lebens bezieht. Die Grundlage der Religion Gottes aber ist eine, und Seine Heiligkeit Bahá'u'lláh hat diese Grundlage erneuert." (´Abdu'l-Bahá, "Divine Philosophy" 2. Ausgabe, S. 150, 151.) Die Religion Gottes ist eine Religion, und alle Offenbarer haben sie gelehrt. Sie ist aber etwas Lebendiges und Weiterwachsendes, nichts Lebloses und Unverständliches. In den Lehren von Moses sehen wir die Knospe, in denen von Christus die Blüte, in denen von Bahá'u'lláh die Frucht. Die Blüte vernichtet die Knospe nicht, noch zerstört die Frucht die Blüte. Sie zerstören nicht, sondern sie erfüllen. Die Knospenschalen müssen abfallen, damit die Blüte blühen kann, und die Blütenblätter müssen abfallen, damit die Frucht wachsen und reifen kann. Waren alsdann die Knospenschalen und die Blütenblätter schlecht oder nutzlos, dass sie abgeworfen werden mussten? Nein, beide waren zu ihrer Zeit gut und notwendig; ohne sie hätte sich keine Frucht entwickeln können. So ist es auch mit den verschiedenen Lehren der Offenbarer. Ihr Äußeres verändert sich von Zeit zu Zeit, aber jede Offenbarung ist die Erfüllung der vorhergehenden. Sie sind nicht getrennt, auch sind sie nicht ohne Übereinstimmung miteinander. Sie sind vielmehr verschiedene Stufen in der Lebensgeschichte der einen Religion, die schrittweise geoffenbart wurde als Samen, als Knospe und als Blüte, und die nun in die Stufe der Fruchtreife eingetreten ist. ![]() Unfehlbarkeit der Offenbarer Bahá'u'lláh lehrt, dass Jedem, der mit der Stufe der göttlichen Offenbarung ausgestattet ist, genügend Beweise Seiner Sendung gegeben sind. Er sei berechtigt, Gehorsam von allen Menschen zu verlangen, und Er habe die Macht, die Lehren Seines Vorgängers abzuschaffen, sie abzuändern oder zu ergänzen. Im Buch Íqán lesen wir: "Wie fern liegt es der Gnade des Allgütigen, wie fern Seiner liebevollen Vorsehung und Seiner milden Barmherzigkeit, unter allen Menschen eine Seele zur Führung Seiner Geschöpfe zu erwählen, ihr einerseits das volle Maß Seines göttliche Zeugnisses zu versagen, andererseits aber Seinem Menschenvolk schwere Bestrafung aufzuerlegen, weil es sich von Seinem Erwählten abgewandt hat! Nein, die vielfachen Gnadengaben des Herrn aller Geschöpfe haben allezeit durch die Manifestationen Seines göttlichen Wesens die Erde und alle, die auf ihr wohnen, umfasst." "Ist es nicht das Ziel jeder Offenbarung, eine Wandlung und Änderung in der ganzen Wesensart der Menschheit zu erreichen, eine Wandlung, die sich äußerlich wie innerlich erweisen und die das innere Leben wie die äußeren Verhältnisse betreffen soll? Denn wenn nicht der Charakter der Menschheit gewandelt würde, so wären Gottes allumfassende Manifestationen offensichtlich sinnlos." (Bahá'u'lláh, Das Buch der Gewissheit, S. 19, 158 f.) Gott ist die einzige unfehlbare Autorität, und die Offenbarer sind unfehlbar, weil Ihre Botschaft die Botschaft Gottes ist, die der Welt durch Sie gebracht wird. Diese Botschaft bleibt bestehen, bis sie durch eine spätere Botschaft, die derselbe Offenbarer oder ein anderer bringt, aufgehoben wird. Gott ist der große Arzt, der allein die richtige Diagnose der Weltkrankheit zu stellen und das passende Heilmittel dafür zu verschreiben vermag. Das in einem Zeitalter verordnete Heilmittel ist in einem späteren Zeitalter, da sich der Zustand des Patienten verändert hat, nicht mehr angemessen. Sich an das alte Heilmittel zu klammern, nachdem der Arzt eine neue Behandlungsweise verordnet hat, heißt dem Arzt nicht Glauben, sondern Unglauben entgegenbringen. Für die Juden mag es ein Schlag sein, wenn ihnen gesagt wird, dass einige der Heilmittel, die Mose vor mehr als dreitausend Jahren für die Krankheit der Welt verordnete, nun unzeitgemäß und ungeeignet sind.Die Christen wird es in gleicher Weise erschüttern, wenn ihnen gesagt wird, dass Muhammad dem, was Jesus verordnete, noch irgend etwas Notwendiges oder Wertvolles hinzuzufügen hatte. Und ebenso ergeht es den Moslems, wenn sie zugeben sollen, dass der Báb und Bahá'u'lláh die Macht hatten, die Gebote von Muhammad abzuändern. Aber nach der Anschauung der Bahá'í schließt die wahre Gottesverehrung die Verehrung aller Seiner Offenbarer in sich ein und damit Gehorsam Seinen letzten Geboten gegenüber, wie sie durch die Manifestationen für unser eigenes Zeitalter gebracht wurden. Nur durch eine solche Hingabe kann wahre Einheit erlangt werden. Die erhabenste Manifestation Gleich allen andern Offenbarern legt Bahá'u'lláh Seine Sendung in durchaus nicht misszuverstehender Weise dar. In dem Lawh-i-Aqdas, einem besonders an die Christenheit gerichteten Tablet, sprach Er: "Der Vater ist sicherlich gekommen und hat erfüllt, was euch in dem Reiche Gottes verheißen wurde. Dies ist das Wort, das der Sohn verhüllte, als Er zu denen, die um Ihn waren, sprach, dass sie zu jener Zeit es noch nicht tragen könnten. Als aber die festgesetzte Zeit erfüllt und die Stunde gekommen war, leuchtete das Wort vom Horizonte des Willens herab. Hütet euch, o Scharen des Sohnes (d. h. Christen)! Werft es nicht von euch, sondern haltet euch daran. Es ist besser für euch als alles, was vor euch liegt ... Wahrlich, der Geist der Wahrheit ist gekommen, um euch in alle Wahrheit zu leiten. Wahrlich, Er spricht nicht von Sich selbst, sondern vielmehr von dem Allwissenden, dem Weisen. Er ist Der, den der Sohn verherrlicht hat ... Gib auf, was vor dir liegt, o Volk der Erde, und nimm das an, was dir befohlen ist von Ihm, welcher der Machtvolle, der Getreue ist." Und in einem Brief an den Papst, im Jahr 1867 von Adrianopel aus geschrieben, spricht Er: ![]() "Hüte dich, auf dass dich nicht die Verherrlichung, die dir zuteil wird, von dem Verherrlichten trennt und dich nicht die Anbetung von dem Angebeteten abhält! Schaue auf den Herrn, den Mächtigen, den Allwissenden! Er ist gekommen, um dem Leben der Welt zu dienen und um alles zu vereinigen, was darin wohnt. Kommt, o ihr Menschen, zu dem Aufgangsort der Offenbarung! Zögert nicht, auch nicht eine Stunde! Seid ihr bewandert im Evangelium und dennoch unfähig, den Herrn der Herrlichkeit zu schauen? Dies geziemt euch nicht, o ihr Scharen der Gelehrten! So sagt denn, wenn ihr diese Sache leugnet, durch welchen Beweis glaubt ihr an Gott? Bringt euren Beweis herbei! ..." So wie er in diesen Briefen den Christen die Erfüllung der Verheißung der Evangelien ankündet, so verkündet Er den Muhammadanern, den Juden, den Zarathustriern und den Völkern anderer Religionen die Erfüllung der Verheißung ihrer Heiligen Bücher. Er wendet sich an alle Menschen als die Schafe Gottes, die bisher in verschiedene Herden zerteilt und in verschiedenen Hürden untergebracht waren. Er sagt, Seine Botschaft sei die Stimme Gottes, des guten Hirten, der in der Fülle der Zeit gekommen sei, Seine zerstreuten Schafe in einer Herde zu sammeln und alle trennenden Schranken zwischen ihnen zu beseitigen, auf dass es nur noch "eine Herde und einen Hirten gäbe". Eine neue Situation Die Stellung von Bahá'u'lláh unter den Offenbarern ist beispiellos und einzig, weil der Zustand der Welt zur Zeit Seines Kommens beispiellos und einzig war. Durch einen langen und sich oft ändernden Entwicklungsvorgang in Religion, Wissenschaft, Kunst und Zivilisation ist die Welt für die Lehre der Einheit reif geworden. Die Schranken, die in früheren Jahrhunderten eine Welteinheit unmöglich machten, waren brüchig, als Bahá'u'lláh erschien, und seit Seiner Geburt im Jahr 1817 und ganz besonders seit der Zeit, da die Verkündung Seiner Lehre begann, brachen diese Schranken in erstaunlichster Art nieder. Mag man sich dies auch erklären wie man will, die Tatsache ist über jeden Zweifel erhaben. ![]() In den Tagen der früheren Offenbarer waren schon allein die geographischen Schranken groß genug, um die Welteinheit zu verhindern. Dieses Hindernis ist jetzt überwunden. Zum ersten Male in der Menschheitsgeschichte ist es den Menschen von der andern Seite der Weltkugel möglich, mit einem jeden von uns schnell und leicht zu verkehren. Dinge, die sich gestern in Europa zutrugen, sind heute in jedem Erdteil bekannt, und eine Rede, die heute in Amerika gehalten wird, kann morgen in Europa, Asien und Afrika gelesen werden. Ein weiteres großes Hindernis war die Sprachschwierigkeit. Dank dem Studium und dem Lehren fremder Sprachen ist diese Schwierigkeit schon zu einem großen Teil überwunden, und es liegt aller Grund zu der Annahme vor, dass binnen weniger Jahre eine internationale Hilfssprache angenommen und in allen Schulen der Welt gelehrt wird. Alsdann wird auch diese Schwierigkeit vollständig beseitigt sein. Das dritte große Hindernis waren religiöse Vorurteile und religiöse Unduldsamkeit. Auch diese sind im Verschwinden begriffen. Der Geist der Menschen wird immer offener. Die Erziehung gleitet mehr und mehr aus den Händen sektiererischer Priester, und neue und fortschrittlichere Gedanken können nicht mehr länger daran verhindert werden, selbst in die abgeschlossensten und konservativsten Kreise einzudringen. Bahá'u'lláh ist also der erste unter den großen Offenbarern, dessen Botschaft in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit von wenigen Jahren in alle Teile der Welt drang. In kurzer Zeit werden die Hauptlehren von Bahá'u'lláh genau nach Seinen verbürgten Schriften übersetzt, und allen, Mann, Weib und Kind, die lesen können, in der ganzen Welt unmittelbar zugänglich sein. ![]() Die Fülle der Bahá'í-Offenbarung Die Bahá'í-Offenbarung steht beispiellos und ohnegleichen da unter den Religionen der Welt durch die Fülle ihrer verbürgten Schriftstücke. Die berichteten Worte, die mit Gewissheit Christus, Moses, Zarathustra, Buddha oder Krischna zugeschrieben werden können, sind sehr wenige und lassen viele neuzeitliche Fragen von größter praktischer Wichtigkeit unbeantwortet. Manche der Lehren, die gewöhnlich diesen Religionsgründern zugeschrieben werden, sind von zweifelhafter Echtheit, und einige sind augenscheinliche Hinzufügungen späteren Datums. Die Muhammadaner besitzen im Qur'án und in einer großen Menge von Uberlieferungen einen viel vollständigeren Bericht über das Leben und die Lehren ihres Offenbarers, aber Muhammad selbst war, obwohl inspiriert, ungelehrt, ebenso wie die meisten Seiner ersten Anhänger. Die Methoden, die für die Niederlegung und Verbreitung Seiner Lehren angewandt wurden, waren in mancher Hinsicht ungenügend, und die Echtheit so mancher Uberlieferungen ist sehr zweifelhaft. Hieraus entstanden Meinungsverschiedenheiten in der Auslegung, und diese strittigen Meinungen verursachten Spaltungen und Streitigkeiten im Islam, wie in allen früheren Religionsgemeinschaften. Demgegenüber schrieben sowohl der Báb als Bahá'u'lláh eine Fülle mit großer Beredsamkeit und Macht nieder. Da beide am öffentlichen Sprechen verhindert waren und die meiste Zeit Ihres Lebens nach der Erklärung Ihrer Sendung im Gefängnis zubrachten, widmeten Sie einen großen Teil Ihrer Zeit der Niederschrift, wodurch der Reichtum der Bahá'í-Offenbarung an verbürgten Schriften alle vorangegangenen Offenbarungen weitaus übertrifft. Klare und volle Darlegungen sind von vielen Wahrheiten gegeben, wo in den früheren Offenbarungen nur dunkle Andeutungen zu finden sind, und die ewigen Grundsätze der Wahrheit, die alle Manifestationen gelehrt haben, sind auf die Probleme angewandt, denen sich die Welt von heute gegenübersieht - Probleme von äußerst verwickelter und schwieriger Natur, deren in den Tagen der früheren Offenbarer nur sehr wenige aufgetreten sind. Es ist klar, dass diese vollständige Niederlegung verbürgter Offenbarung für die Zukunft eine mächtige Wirkung auf die Verhinderung von Missverständnissen haben muss und ebenso auf die Aufklärung jener Missverständnisse aus der Vergangenheit, welche die verschiedenen Gemeinschaften getrennt gehalten haben.Das Bahá'í-Bündnis Beispiellos und unerreicht ist die Bahá'í-Offenbarung auch in anderer Weise. Bevor Bahá'u'lláh diese Welt verließ, legte Er wiederholt ein Bündnis schriftlich nieder und bestimmte darin Seinen ältesten Sohn ´Abdu'l-Bahá, auf den Er öfters als den "Ast" oder den "Größten Ast" hinwies, zum bevollmächtigten Ausleger der Lehren und erklärte, dass die von ´Abdu'l-Bahá erteilten Erklärungen oder Auslegungen als ebenso bevollmächtigt anzunehmen seien wie die Worte von Bahá'u'lláh selbst. In Seinem Willen und Testament schrieb Er: "Betrachtet, was in Meinem Buche Aqdas geoffenbart wurde: Wenn das Meer Meiner Gegenwart verebbt und das Buch Meiner Offenbarung beendet ist, dann wendet euch Ihm zu (´Abdu'l-Bahá), den Gott bestimmt hat - Ihm, der dieser altehrwürdigen Wurzel entsprungen ist.' Der Sinn dieses heiligen Verses ist der größte Zweig." (Bahá'u'lláh, Kitáb-i-'Ahd, Das Buch des Bundes, S. 10) Und in dem Tablet vom Zweig, in dem Bahá'u'lláh die Stufe ´Abdu'l-Bahás erklärt, sprach Er:"Danke Gott, o Volk, dass Er erschienen ist, denn wahrlich, Er ist für euch die größte Gnade, die vollkommenste Güte, und durch Ihn wird jedes modernde Gebein lebendig. Wer Ihm sich zuwendet, hat sich zu Gott gewendet, und wer sich von Ihm abkehrt, hat sich von Meiner Schönheit abgekehrt, hat Meinen Beweis verworfen und sich gegen Mich vergangen." Nach dem Hinscheiden von Bahá'u'lláh hatte ´Abdu'l-Bahá sowohl zu Hause als auf Seinen weiten Reisen vollauf Gelegenheit, mit Menschen aller Teile der Welt und aller Anschauungen zusammenzukommen. Er hörte alle ihre Fragen, ihre Schwierigkeiten und Einwendungen an und gab ihnen darauf eingehende Erklärungen, die in den Schriften sorgfältig niedergelegt sind. ´Abdu'l-Bahá führte Sein Werk der Erklärung der Lehren während einer langen Reihe von Jahren fort und zeigte ihre Anwendung auf die verschiedensten Probleme des Lebens. Meinungsverschiedenheiten, die sich zwischen Gläubigen erhoben, wurden Ihm berichtet und von Ihm endgültig beigelegt, wodurch die Gefahr zukünftiger Missverständnisse bedeutend verringert ist. Bahá'u'lláh sah ferner vor, dass als Vertretung aller Bahá'í in der ganzen Welt ein Internationales Haus der Gerechtigkeit gewählt werden solle, das alle Angelegenheiten des Bahá'í-Glaubens leiten, alle seine Tätigkeiten überwachen und koordinieren, Uneinigkeit und Spaltung verhüten, Unklarheiten aufklären und die Lehren vor Entstellung und falscher Darstellung schützen soll. Dass diese höchste administrative Körperschaft sowohl gesetzgebend tätig werden kann in allen durch die Lehren nicht endgültig festgelegten Angelegenheiten, wie dass sie ihre eigenen Gesetze auch wieder aufheben kann, wenn neue Bedingungen andere Maßnahmen erfordern, diese Tatsache gibt dem Bahá'í-Glauben die Fähigkeit, sich auszubreiten und wie ein lebender Organismus den Notwendigkeiten und Erfordernissen einer sich ändernden Gesellschaft anzupassen.Darüber hinaus hat Bahá'u'lláh die Auslegung der Lehren durch jemand anderen als den bevollmächtigten Ausleger ausdrücklich verboten. ´Abdu'l-Bahá ernannte in Seinem Willen und Testament als Seinen Nachfolger Shoghi Effendi zum Hüter des Glaubens und ermächtigte ihn zur Auslegung der Schriften. In einem Jahrtausend oder später wird unter dem Schatten Bahá'u'lláhs eine andere Manifestation mit klaren Beweisen Ihrer Sendung erscheinen; aber bis dahin bilden die Worte von Bahá'u'lláh, ´Abdu'l-Bahá und dem Hüter, sowie die Entscheidungen des Internationalen Hauses der Gerechtigkeit die Autorität, an die sich alle Gläubigen um Führung wenden müssen. Kein Bahá'í kann eine Schule oder Sekte gründen auf irgendeiner besonderen Auslegung der Lehren oder einer vorgeblichen göttlichen Offenbarung. Jeder, der diesen Verfügungen zuwiderhandelt, wird als "Bündnisbrecher" angesehen. ´Abdu'l-Bahá sagt:"Ein Feind der Sache ist, wer danach trachtet, die Worte von Bahá'u'lláh auszulegen, und dabei deren Bedeutung nach seinen eigenen Fähigkeiten färbt, Anhänger um sich sammelt, eine besondere Sekte bildet, seine eigene Stellung in den Vordergrund rückt und eine Spaltung in der Sache herbeiführt." (´Abdu'l-Bahá, Star of the West, Band III, S. 8.) In einem andern Tablet schreibt ´Abdu'l-Bahá: "Diese Leute (die Träger der Spaltungen) gleichen dem Schaum, der sich auf der Oberfläche des Meeres ansammelt. Es wird eine Woge vom Ozean des Bündnisses ausgehen und diesen Gischt durch die Macht des Königreiches Abhá an die Küste werfen ... Diese von persönlichen und böswilligen Absichten ausgehenden verderblichen Gedanken werden alle verschwinden, aber das Bündnis Gottes wird fest und sicher bleiben." (´Abdu'l-Bahá, Star of the West, Jahrg. X, S. 95.) Es gibt nichts, das den Menschen am Aufgeben der Religion hindern könnte, sofern er dies tun will. ´Abdu'l-Bahá sagt: "Selbst Gott zwingt die Seele nicht, geistig zu werden. Der Einsatz des freien menschlichen Willens ist hierzu notwendig." Es ist jedoch klar, dass das geistige Bündnis die Sektiererei innerhalb der Bahá'í-Gemeinschaft gänzlich unmöglich macht. ![]() Keine Berufspriesterschaft Eine andere Seite der Bahá'í-Verwaltung muss besonders hervorgehoben werden, und dies ist die Ausschaltung einer Berufspriesterschaft. Freiwillige Beiträge zu den Ausgaben der Lehrer sind erlaubt, und viele widmen ihre ganze Zeit der Arbeit in der heiligen Sache. Es wird aber von allen Bahá'í erwartet, dass sie sich an der Arbeit des Lehrens und dergleichen entsprechend der Gelegenheit und ihren Fähigkeiten beteiligen. Es gibt keinen besonderen Stand, der sich von seinen Mitgläubigen durch ausschließliche Ausübung priesterlicher Ämter und Vorrechte unterscheidet. In früheren Zeiten war eine Priesterschaft notwendig, weil das noch ungelehrte und unerzogene Volk bezüglich seiner religiösen Unterweisungen, in der Leitung der religiösen Riten und Zeremonien und in der Rechtsverwaltung usw. auf die Priester angewiesen war. - Jetzt aber haben sich die Zeiten geändert. Erziehung wird rasch Allgemeingut, und wenn einmal die Gebote von Bahá'u'lláh praktisch angewandt werden, dann wird jeder Knabe und jedes Mädchen in der ganzen Welt eine ausgezeichnete Erziehung genießen. Jeder einzelne wird dann imstande sein, die heiligen Schriften selbst zu studieren und das Wasser des Lebens unmittelbar aus der Quelle zu schöpfen. Ausgeklügelte Riten und Zeremonien, die den Dienst eines besonderen Berufes oder Standes erfordern, haben in der Bahá'í-Ordnung keinen Platz, und die Rechtspflege ist den für diesen Zweck eingesetzten Autoritäten anvertraut.Ein Kind braucht einen Lehrer, aber das Ziel eines wahren Lehrers ist, seinen Schüler fähig zu machen, ohne Lehrer handeln zu können, die Dinge mit eigenen Augen zu betrachten, mit eigenen Ohren zu hören und mit eigener Vernunft zu erkennen. Ebenso war in der Kindheit der Menschheit der Priester notwendig, aber seine wahre Aufgabe ist, die Menschen zum Handeln ohne ihn zu befähigen, göttliche Dinge mit ihren eigenen Augen zu betrachten, mit ihren eigenen Ohren zu hören und mit ihrer eigenen Vernunft zu erkennen. Heute ist die Arbeit der Priester beinahe erfüllt, und daher ist es das Ziel der Bahá'í-Lehre, dieses Werk zu vollenden, die Menschen von allem andern außer Gott unabhängig zu machen, so dass sie sich unmittelbar zu Ihm, d. h. zu Seiner Manifestation, wenden können. Wenn sich alle zu einem Mittelpunkt wenden, dann kann es keine Quertreibereien oder Verwirrungen mehr geben, und je mehr sich alle dem Zentrum nähern, desto näher kommt einer dem andern.
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