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Familie und Erziehung

Gleichberechtigung von Mann und Frau

Einer der sozialen Grundsätze, dem Bahá'u'lláh große Bedeutung zumisst, ist, dass die Frau dem Manne gleich geachtet werde. Die Frau soll sich gleicher Rechte, gleicher Erziehung und gleicher Förderung erfreuen.

Das Hauptmittel, auf das sich Bahá'u'lláh bei der Gleichstellung der Frauen stützt, ist die umfassende Erziehung. Die Mädchen sollen die gleiche gute Erziehung genießen wie die Knaben. In der Tat ist die Erziehung der Mädchen noch wichtiger als die der Knaben, denn die Mädchen werden später Mutter, und als Mutter sind sie die ersten Lehrer des kommenden Geschlechtes. Kinder gleichen grünen und zarten Zweigen; wenn ihre erste Erziehung richtig ist, wachsen sie gerade, wenn diese schlecht ist, wachsen sie krumm. Bis zum Ende ihres Lebens sind sie von der Erziehung ihrer ersten Jahre beeinflusst. Wie wichtig ist es daher, dass die Mädchen gut und weise erzogen werden.

´Abdu'l-Bahá hatte bei Seinen Reisen durch die westlichen Lander häufig Gelegenheit, die Bahá'í-Lehren bezüglich dieses Themas zu erläutern. In einer Versammlung der Frauenliga für Frieden und Freiheit in London im Jahre 1913 sagte Er:

"Die Menschheit gleicht einem Vogel mit seinen zwei Schwingen: die eine ist das männliche, die andere das weibliche Geschlecht. Sofern nicht beide Schwingen stark sind und durch eine gemeinsame Kraft bewegt werden, kann sich der Vogel nicht himmelwärts schwingen. Dem Geiste dieses Zeitalters entsprechend müssen die Frauen Fortschritte machen und ihre Aufgaben in allen Zweigen des Lebens erfüllen, um den Männern gleichzukommen. Sie müssen auf die gleiche Höhe gelangen wie die Männer und sich gleicher Rechte erfreuen. Dies ist meine inständige Bitte und einer der Hauptgrundsätze von Bahá'u'lláh.

Manche Wissenschaftler haben erklärt, das Gehirn des Mannes wiege schwerer als das des Weibes, und sie beanspruchten dies als Beweis für die Überlegenheit des Mannes. Wenn wir jedoch um uns blicken, so sehen wir Leute mit kleinem Kopf, deren Gehirn leicht sein muss, die jedoch größte Intelligenz und große Verstandeskraft aufweisen, und andere mit großem Kopf, deren Gehirn schwer sein muss, die aber doch einfältig sind. Deshalb ist das Gewicht des Gehirns kein zuverlässiger Maßstab für Intelligenz oder Überlegenheit. Wenn die Männer als einen zweiten Beweis ihrer Überlegenheit die Behauptung aufstellen, die Frauen hätten nicht so viel geleistet wie die Männer, so führen sie armselige Arguments an, wobei die Geschichte außer Betracht gelassen wird. Wenn sie sich geschichtlich besser unterrichtet hätten, dann würden sie wissen, dass große Frauen gelebt und Großes in der Vergangenheit vollbracht haben, und dass auch heute viele leben, die Großes vollbringen."

Hier erzählte ´Abdu'l-Bahá die Taten der Zenobia und anderer großer Frauen der Vergangenheit und schloss mit beredtem Lob der mutigen Maria Magdalena, deren Glaube fest blieb, als die Apostel ins Wanken geraten waren. Er fuhr fort:

"Unter den Frauen unserer Zeit ragt Qurratu'l-'Ayn hervor, die Tochter eines muhammadanischen Priesters. Zur Zeit des Auftretens des Báb zeigte sie so überwältigenden Mut und Kraft, dass alle, die sie hörten, erstaunt waren. Sie warf ihren Schleier beiseite, den uralten Gebräuchen der Perser zum Trotz, und obschon es als ungehörig galt, mit Männern zu sprechen, unternahm es diese heldenhafte Frau, sich mit den gelehrtesten Männern auseinanderzusetzen, und trug auch in jeder derartigen Zusammenkunft den Sieg davon. Die persische Regierung nahm sie gefangen. Sie wurde in den Straßen mit Steinen beworfen, aus dem Islam ausgestoßen, von einer Stadt zur anderen verbannt, mit dem Tode bedroht, aber nie wich sie von ihrem Entschluss ab, für die Freiheit ihrer Schwestern einzutreten. Sie ertrug Verfolgung und Leiden mit größtem Heldenmut. Selbst im Gefängnis gewann sie noch Menschen. Zu einem persischen Minister, in dessen Haus sie gefangen war, sagte sie:
"Du kannst mich töten, sobald es dir beliebt; aber du kannst die Befreiung der Frauen nicht aufhalten." Schließlich nahte das Ende ihres tragischen Lebens; man brachte sie in einen Garten und erdrosselte sie. Sie aber hatte ihr schönstes Kleid angezogen und sich geschmückt, als ob sie eine Brautfahrt machen wollte. Mit solcher Seelengröße und solchem Mut gab sie ihr Leben dahin, dass alle, die sie sahen, ergriffen und erschüttert waren. Sie war wahrlich eine große Heldin.
Auch heute gibt es unter den Bahá'í in Persien Frauen, die unentwegten Mut zeigen und dichterisch hoch begabt sind. Sie sind sehr beredt und sprechen vor großen Versammlungen. Die Frauen müssen fortschrittlich gesinnt sein und zur Vervollkommnung der Menschheit ihre Kenntnisse über Wissenschaft, Literatur und Geschichte erweitern. Binnen kurzem werden sie zu ihrem Rechte kommen. Die Männer werden sehen, wie die Frauen ernsthaft und würdig an der Besserung des bürgerlichen und politischen Lebens arbeiten, wie sie sich dem Krieg widersetzen und Stimmrecht und gleiche Möglichkeiten fordern. Ich hoffe, dass ihr Frauen in allen Phasen des Lebens Fortschritte macht; dann werden eure Stirnen mit dem Diadem unvergänglichen Ruhmes gekrönt sein."



Die Frauen und das neue Zeitalter

Wenn die Betrachtungsweìse der Frauen gebührende Beachtung findet und es der Frau erlaubt wird, ihren Willen in der Handhabung der sozialen Angelegenheiten in angemessener Weise zum Ausdruck zu bringen, dann dürfen wir große Fortschritte in den Dingen erwarten, die unter der alten Regierungsform männlicher Vorherrschaft oft sehr vernachlässigt wurden. Dazu gehören Gesundheitspflege, Mäßigkeit, Friede und Hochschätzung des Wertes individuellen Lebens. Eine Besserung in dieser Hinsicht wird sehr weit reichende und segensreiche Wirkung haben.

´Abdu'l-Bahá sagt:

"In der Vergangenheit wurde die Welt durch Gewalt regiert, und der Mann herrschte aufgrund seiner stärkeren und mehr zum Angriff neigenden körperlichen und verstandesmäßigen Eigenschaften über die Frau. Aber schon neigt sich die Waage, Gewalt verliert ihr Gewicht, und geistige Regsamkeit, Intuition und die geistigen Eigenschaften der Liebe und des Dienens, in welchen die Frau stark ist, gewinnen an Einfluss. Folglich wird das neue Zeitalter weniger männlich und mehr von den weiblichen Leitbildern durchdrungen sein, oder genauer gesagt, es wird ein Zeitalter sein, in dem die männlichen und weiblichen Elemente der Kultur besser ausgeglichen sein werden."
(´Abdu'l-Bahá, Star of the West, Bd. VIII, Nr. 3, S. 4)

Gewaltsame Methoden sind aufzugeben

Auch bei der Durchführung der Befreiung der Frauen, wie in andern Angelegenheiten, rät Bahá'u'lláh Seinen Anhängern, gewaltsame Maßnahmen zu vermeiden. Ein ausgezeichnetes Bild der Bahá'í-Methode sozialer Reformen haben uns die Bahá'í-Frauen in Ägypten und Syrien gezeigt. In diesen Ländern ist es Brauch der muhammadanischen Frauen, außerhalb ihres Hauses verschleiert zu gehen. Der Báb wies darauf hin, dass die Frauen im neuen Zeitalter von diesem lästigen Zwang befreit werden.
Aber Bahá'u'lláh empfiehlt Seinen Gläubigen, sofern keine wichtige Frage in Bezug auf die Moral mitspielt, lieber sich den herrschenden Bräuchen zu fügen, bis das Volk aufgeklärt wird, als Anstoß und unnötigen Widerstand unter ihren Mitmenschen zu erregen. Obschon sich die Bahá'í-Frauen wohl bewusst sind, dass der veraltete Brauch des Schleiertragens für aufgeklärte Menschen unnötig und lästig ist, finden sie sich doch lieber ruhig mit dieser Unbequemlichkeit ab, als dass sie durch öffentliches Entschleiern ihres Gesichtes einen Sturm fanatischen Hasses und erbittertster Gegnerschaft heraufbeschwören. Die Anpassung an den Brauch ist keineswegs der Furcht zuzuschreiben, sondern dem sicheren Vertrauen in die Macht der Erziehung und in die umwandelnden und Leben spendenden Wirkungen wahrer Religion. Die Bahá'í in jenen Ländern widmen ihre Kräfte der Erziehung ihrer Kinder, besonders der Mädchen, und der Verbreitung und Förderung der Bahá'í-Ideale, denn sie sind sich dessen wohl bewusst, dass in demselben Verhältnis, wie das neue geistige Leben wächst und sich unter den Menschen verbreitet, veraltete Bräuche und Vorurteile nach und nach so natürlich und unvermeidlich fallen werden wie Knospenschalen im Frühling, wenn sich die Blatter und Blüten im Sonnenschein entfalten.



Erziehung

Erziehung, das ist Unterweisung und Führung der Menschen und die Entwicklung und Schulung der ihnen innewohnenden Fähigkeiten, war von Anbeginn der Welt das höchste Ziel aller heiligen Offenbarer, und in den Bahá'í-Lehren sind die grundlegende Bedeutung und die unbegrenzten Möglichkeiten der Erziehung klar und deutlich verkündet. Der Lehrer ist die mächtigste Triebkraft der Zivilisation, und seine Tätigkeit ist die höchste, die der Mensch zu erstreben vermag. Die Erziehung beginnt im Mutterleib und ist so endlos wie das Leben des Menschen. Sie ist eine dauernde Notwendigkeit für richtiges Leben und die Grundlage der Wohlfahrt sowohl für den einzelnen wie für die Gesamtheit. Wenn die richtige Erziehung Allgemeingut wird, dann wird die Menschheit verwandelt und die Welt ein Paradies werden.

Gegenwärtig gehört ein wirklich gut erzogener Mensch zu den seltensten Erscheinungen, denn nahezu jedermann hat Vorurteile, verkehrte Ideale, irrtümliche Vorstellungen und schlechte Gewohnheiten, die ihm von Kind auf anerzogen sind. Wie wenige werden von früher Kindheit an gelehrt, Gott von ganzem Herzen zu lieben und Ihm ihr Leben zu weihen, Dienst an der Menschheit als das höchste Lebensziel aufzufassen und die Kräfte zum Besten des Allgemeinwohls zu entwickeln. Doch dies sind sicherlich die wesentlichen Bestandteile einer guten Erziehung. Bloßes Überlasten des Gedächtnisses mit Daten der Arithmetik, Grammatik, Geographie, mit Sprachen usw. hat verhältnismäßig wenig Wirkung in der Gestaltung eines edlen und nutzbringenden Lebens.
Bahá'u'lláh sagt, dass die Erziehung allumfassend sein muss:

"Es wird verordnet, dass jeder Vater seinen Söhnen und Töchtern eine gute Schulbildung, sowie alles, was in dem Tablet verordnet ist, angedeihen lassen muss. Wird dies von jemand vernachlässigt, so ist es Pflicht der Vertrauensmänner des Hauses der Gerechtigkeit, den für die Erziehung seiner Kinder erforderlichen Betrag von ihm, sofern er bemittelt ist, einzuziehen. Andernfalls soll die Angelegenheit dem Haus der Gerechtigkeit anheim fallen. Wahrlich, Wir haben es (das Haus der Gerechtigkeit) zu einem Zufluchtsort für die Armen und Bedürftigen geschaffen.

Wenn jemand seinen Sohn oder Kinder eines anderen erzieht, so ist es, als habe er Meine Kinder erzogen."
(Bahá'u'lláh, Ishráqát.)

"Männer und Frauen müssen einen Teil ihres Einkommens aus Gewerbe, Landwirtschaft oder anderen Berufen in die Hand eines vertrauenswürdigen Menschen geben, damit er für Erziehung und Unterricht der Kinder verwendet wird. Diese Beträge müssen im Einvernehmen mit den Treuhändern des Hauses der Gerechtigkeit für die Erziehung der Kinder angelegt werden."
(Bahá'u'lláh, Sendschreiben über die Welt)

Angeborene Unterschìede in der Natur

Nach der Bahá'í-Anschauung ist die Natur des Kindes nicht wie Wachs, das nach dem Willen des Lehrers unbekümmert um seine eigene Form gestaltet werden kann. Nein, jedes einzelne der Kinder hat seine eigene, ihm von Gott verliehene Wesensart und Eigentümlichkeit, die nur in einer besonderen Weise zu seinem besten Wohle entwickelt werden kann, und dieser Weg ist in jedem Fall einzig in seiner Art. Nicht zwei Menschen haben genau dieselben Fähigkeiten und Talente, und der wahre Erzieher wird nie versuchen, zwei Naturen in eine und dieselbe Form zu zwingen.
In der Tat, er wird nie den Versuch machen, irgendeine Natur in irgendeine Form zu pressen, sondern er wird vielmehr die sich entwickelnden Kräfte des jungen Wesens ehrfurchtsvoll pflegen, sie ermutigen, beschützen und ihnen die nötige Nahrung und Hilfe zukommen lassen. Seine Arbeit gleicht der eines Gärtners, der verschiedene Pflanzen pflegt. Eine Pflanze liebt den strahlenden Sonnenschein, die andere den kühlen Schatten; die eine liebt das Bachufer, die andere die dürre Bergesspitze; die eine gedeiht am besten auf sandigem Boden, die andere in fettem Lehm. Jede muss die ihrer Natur angemessene Pflege haben, andernfalls kann ihre Vollendung nicht völlig zum Ausdruck kommen.

´Abdu'l-Bahá sagt:

"Die Offenbarer bestätigen, dass die Erziehung eine große Wirkung auf die menschliche Rasse ausübt, aber Sie erklären, dass Geist und Begriffsvermögen der Menschen ursprünglich verschieden sind. Wir sehen, dass gewisse Kinder desselben Alters, derselben Heimat und derselben Rasse, ja derselben Familie, unter der Aufsicht desselben Lehrers im Geist und in der Fassungskraft verschieden sind. Die Muschel mag beliebig lang poliert werden, eine glänzende Perle kann sie niemals werden. Der schwarze Stein wird nicht zum weithin leuchtenden Edelstein. Der stachelige Kaktus kann durch Pflege und Entwicklung niemals zum gesegneten Baume werden. Das heißt, die Erziehung verändert das Wesen der Natur des menschlichen Edelsteins nicht, aber sie bringt eine wunderbare Wirkung hervor. Durch diese gestaltende Kraft werden alle in der menschlichen Wirklichkeit verborgenen Tugenden und Fähigkeiten ans Licht gebracht."
(Tablets of ´Abdu'l-Bahá, Bd. Ill, S. 577.)



Charakterbildung

Das allerwichtigste in der Erziehung ist die Charakterbildung. Hierbei wirkt das Vorbild mehr als die Vorschrift. Das Leben und der Charakter der Eltern, der Lehrer und die Umweit sind Faktoren von allergrößter Wichtigkeit.

Die Manifestationen Gottes sind die großen Erzieher der Menschheit, und Ihre Ratschläge und Ihre Lebensgeschichte sollten dem Geiste der Kinder nahe gebracht werden, sobald sie dazu aufnahmefähig sind. Besonders wichtig sind die `Worte des erhabenen Lehrers Bahá'u'lláh, der die Hauptgrundsätze offenbarte, auf denen die Zivilisation der Zukunft aufgebaut werden muss.

Er sagt:

"Lehrt eure Kinder, was durch die Feder der Herrlichkeit geoffenbart wurde. Unterrichtet sie in dem, was vom Himmel der Größe und Macht herabkam. Lasst sie die Tablets des Barmherzigen auswendig lernen und mit herrlich melodischen Stimmen in den Hallen des Mashriqu'l-Adhkár singen."
(Bahá'u'lláh, Star of the West, Bd. IX, Nr. 7, S. 81.)

Kunst, Wissenschaft, Gewerbe

Die Erziehung in Kunst, Wissenschaften, Gewerbe und nützlichen Berufen wird als wichtig und notwendig betrachtet.

Bahá'u'lláh sagt:

"Wissen ist wie ein Flügelpaar des Menschseins und wie eine Leiter zum Aufstieg. Sich Wissen anzueignen ist allen zur Pflicht gemacht. Es sollen dies aber solche Wissenschaften sein, die dem Volke der Erde nützen, und nicht solche, die nur mit Worten beginnen und mit Worten endigen. Wer Wissenschaften und Künste beherrscht, hat ein großes Vorrecht bei dem Volk der Welt ...
In der Tat, der wirkliche Schatz des Menschen ist sein Wissen. Wissen ist der Weg zu Ehre, Wohlstand, Freude, Frohsinn, Glück und Jubel."
(Bahá'u'lláh, Tajallíyát.)



Die Behandlung der Verbrecher

In einer Rede über die richtige Art der Behandlung der Verbrecher sprach ´Abdu'l-Bahá wie folgt:

"... Das allerwichtigste ist, dass die Menschen so erzogen werden müssen, dass keine Verbrechen begangen werden; denn es ist möglich, die Menschen so wirksam zu erziehen, dass ihnen das Verbrechen selbst als die höchste Strafe und die schlimmste Verurteilung und Qual erscheint, so dass sie es vermeiden und davor zurückschrecken, Verbrechen zu verüben. Es werden darum keine Verbrechen, die Bestrafung verlangen, begangen werden ...

Wenn zum Beispiel jemand einen anderen unterdrückt, benachteiligt und verletzt und der Geschädigte Vergeltung übt, so ist dies Rache und zu tadeln. Wenn 'Amru Zaid beleidigt, hat der letztere nicht das Recht, 'Amru zu beleidigen; tut er es, ist dies Rache, und sie ist sehr verwerflich. Er muss vielmehr Böses mit Gutem vergelten und nicht nur verzeihen, sondern mehr noch, wenn möglich, dem Beleidiger Hilfe gewähren. Diese Verhaltensweise ist des Menschen würdig; denn welchen Nutzen gewinnt er durch die Rache? Beide Handlungen sind sich gleich; wenn die eine verwerflich ist, so sind es beide. Der einzige Unterschied ist der, dass die eine Tat früher, die andere später verübt wurde.

Aber die Gemeinschaft hat das Recht auf Verteidigung und Selbstschutz; überdies hegt die Gemeinschaft keinen Hass und keine Feindschaft gegen den Mörder; sie verhaftet und bestraft ihn lediglich des Schutzes und der Sicherheit der anderen wegen ...

Wenn also Christus sagte: ,Wenn dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biete die andere auch an, so wollte Er damit die Menschen belehren, dass sie keine persönliche Rache nehmen sollen. Er meinte nicht, dass man den Wolf, der in eine Herde Schafe anfällt und sie zerreißen will, noch dazu ermuntern sollte. Nein, wenn Christus gesehen hätte, dass ein Wolf in eine Herde eingebrochen wäre und die Schafe zerreißen wollte, so hätte Er es zweifellos verhindert ...

Zusammengefasst: Der Bestand der Gemeinschaft hängt von Gerechtigkeit, nicht von Vergebung ab. Was Christus also mit Verzeihung und Vergebung meinte, ist nicht, dass ihr, wenn fremde Völker euch angreifen, eure Häuser anzünden, eure Habe plündern, eure Frauen, Kinder und Verwandten anfallen und eure Ehre verletzen, in Gegenwart solch tyrannischer Feinde unterwürfig sein und sie ihre Grausamkeiten und Unterdrückungen begehen lassen sollt. Nein, Christi Worte beziehen sich auf das Verhältnis zweier Menschen zueinander: wenn einer den anderen angreift, sollte der Geschädigte ihm verzeihen. Die Gemeinschaft aber muss die Rechte des Menschen wahren ...

Es bleibt noch etwas zu sagen, und das ist, dass die Gemeinschaft sich Tag und Nacht mit der Ausarbeitung von Strafgesetzen und mit der Vorbereitung und Einrichtung von Hilfsmitteln und Werkzeugen für die Bestrafung befasst. Man baut Gefängnisse, stellt Fesseln und Ketten her, setzt Orte für Verschickung und Verbannung und verschiedene Arten von Härten und Misshandlungen fest und glaubt, mit solchen Mitteln die Verbrecher zu erziehen; in Wirklichkeit sind diese Mittel aber die Ursache moralischer Zerrüttung und charakterlicher Fehlentwicklung. Die Gemeinschaft sollte sich vielmehr Tag und Nacht bemühen und mit äußerster Anstrengung und Begeisterung danach streben, sich der Erziehung der Menschen zu widmen und sie zu veranlassen, Tag für Tag Fortschritte zu machen, Erkenntnis und Wissenschaft zu mehren, Tugenden zu erlangen, sich gute Sitten anzueignen und Laster zu meiden, damit keine Verbrechen mehr geschehen."
(´Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, S. 260-263.)

Der Einfluß der Presse

Die Bedeutung der Presse als Mittel zur Verbreitung von Wissen und zur Erziehung des Volkes sowie ihre zivilisierende Macht, sofern sie richtig geleitet wird, werden von Bahá'u'lláh voll anerkannt.

Er schreibt:

"An diesem Tag sind die Geheimnisse der Erde enthüllt und den Augen sichtbar und die Seiten der Tageszeitungen sind wirklich der Spiegel der Welt. Sie veröffentlichen die Taten und Handlungen der verschiedenen Völker, erläutern sie und machen sie allgemein bekannt. Die Zeitungen gleichen einem Spiegel, der mit Gehör, Gesicht und Sprache ausgestattet ist. Sie sind eine wunderbare Einrichtung und etwas Großes. Es ist aber dringend notwendig, dass die Schriftsteller und Herausgeber der Zeitungen frei sind von den aus Selbstüberhebung und Begierden stammenden Vorurteilen und dass sie sich schmücken mit dem Schmuck der Unparteilichkeit und der Gerechtigkeit.
Alle Angelegenheiten müssen sie so eingehend wie möglich erforschen, damit sie von den wirklichen Tatsachen unterrichtet und imstande sind, darüber wahrheitsgetreu zu berichten. Was die Zeitungen über diesen Unterdrückten schrieben, ist meistens jeder Wahrheit bar gewesen. Gute Rede und Wahrhaftigkeit gleichen in der Erhabenheit ihrer Stellung und ihres Ranges der Sonne, die am Horizont des Himmels der Erkenntnis aufgegangen ist."
(Bahá'u'lláh, Tarázát.)
(S.170-180)