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Diverse Themen

"Wisse, dass in jedem Zeitalter und in jeder Sendung alle göttlichen Verordnungen geändert und dem Erfordernis der Zeit entsprechend gewandelt wurden, das Gesetz der Liebe ausgenommen, das, einer Quelle gleich, immer fließt und nie einem Wandel unterliegt."
(Bahá'u'lláh)

Mönchsleben

Wie schon Muhammad, verbietet auch Bahá'u'lláh Seinen Anhängern, ein Leben mönchischer Abgeschlossenheit zu führen.

Im Tablet an Napoleon III. lesen wir:

"O Schar der Mönche! Schließt euch nicht ab in Kirchen und Klöstern. Kommt mit Meiner Erlaubnis hervor und befasst euch mit dem, was euren Seelen und den Seelen der Menschen nützen wird ... Schließt die Ehe, damit nach euch ein anderer euren Platz ausfüllen möge. Wir haben euch treulose Taten verboten, nicht aber das, was Treue beweisen wird. Habt ihr euch an die Normen geklammert, die euer eigenes Selbst aufgestellt hat, und das Richtmaß Gottes von euch geworfen? Fürchtet Gott und gesellt euch nicht zu den Narren. Wenn nicht der Mensch, wer könnte Mich auf Meiner Erde erwähnen, und wie könnten Meine Merkmale und Mein Name geoffenbart worden sein?
Denkt darüber nach und gehört nicht zu denen, die verhüllt sind und fest schlafen. Er, der nicht heiratete (Jesus), fand keinen Platz, wo Er wohnen oder Sein Haupt niederlegen konnte um dessentwillen, was die Hände der Verräter Ihm angetan haben. Seine Heiligkeit besteht nicht in dem, war ihr glaubt oder euch einbildet, sondern vielmehr in dem, was Wir besitzen. Bittet, auf dass ihr Seine Stufe begreifen möget, die erhöht wurde über die Vorstellung aller, die auf Erden wohnen. Gesegnet sind, die dies verstehen ..."
(Die Verkündigung Bahá'u'lláhs, S. 106 f.)

Erscheint es nicht seltsam, dass christliche Sekten das Mönchsleben und das Zölibat für die Geistlichkeit eingeführt haben angesichts der Tatsache, dass Christus verheiratete Männer zu Seinen Jüngern erwählte, und Er selbst und Seine Apostel ein Leben tätigen Wohltuns lebten, in enger Verbindung und vertrautem Umgang mit den Menschen?

Im Qur'án von Muhammad lesen wir:

"Jesus, dem Sohne der Maria, gaben Wir das Evangelium, und Wir legten in die Herzen derer, die Ihm nachfolgten, Güte und Mitgefühl. Was aber das Mönchsleben anbelangt, das haben sie selbst erfunden. Den Wunsch, nur Gott wohl zu gefallen, schrieben Wir ihnen vor, und den beachteten sie nicht, wie sie ihn hätten beachten sollen." (Qur'án 57, 27.)

Welche Berechtigung für das Mönchsleben auch in alten Zeiten und vergangenen Verhältnissen bestanden haben mag. Bahá'u'lláh erklärt, dass solch eine Berechtigung nicht länger vorhanden ist. Und in der Tat, es ist unverkennbar, dass der Austritt einer großen Zahl der Frömmsten und Gottesfürchtigsten der Bevölkerung aus der Gemeinschaft mit ihren Mitmenschen und ihr Zurückweichen vor den Pflichten und der Verantwortlichkeit der Elternschaft eine geistige Verarmung des Menschengeschlechts zur Folge hat.

Ehe

Die Bahá'í-Lehren schreiben Einehe vor, und Bahá'u'lláh macht die Eheschließung von der Zustimmung beider Partner und ihrer Eltern abhängig.

Er sagt im Buch Aqdas:

"Wahrlich, im Buch Bayán (der Offenbarung des Báb) ist die Angelegenheit abhängig gemacht von der Zustimmung beider. Weil Wir wünschten, Liebe und Freundschaft und die Einigkeit der Menschen hervorzubringen, machten Wir es auch von der Zustimmung der Eltern abhängig, auf dass Feindschaft und Übelwollen vermieden werden mögen."
(Bahá'u'lláh, Kitáb-i-Aqdas.)

Über diesen Punkt schrieb ´Abdu'l-Bahá an einen Fragesteller:

"Was die Frage der Heirat im Einklang mit dem Gesetze Gottes betrifft: Zunächst musst du deine Wahl treffen, und dann hängt es ab von der Zustimmung von Vater und Mutter. Ehe du nicht gewählt hast, haben diese kein Recht, sich darein zu mischen"
(Tablets of ´Abdu'l-Bahá, Bd. Ill, S. 563.)

´Abdu'l-Bahá sagt, dass infolge dieser Vorsichtsmaßregel von Bahá'u'lláh die gespannten Beziehungen zwischen den Verschwägerten, wie sie in christlichen und muhammadanischen Ländern sprichwörtlich geworden sind, unter den Bahá'í beinahe unbekannt seien, und dass Ehescheidung ebenso ein sehr seltenes Ereignis sei. Er schreibt über die Ehe:

"Bahá'í-Ehe bedeutet Einheit und herzliche Zuneigung der beiden Partner. Sie müssen einander die größte Aufmerksamkeit erweisen und jedes sich mit der Wesensart des andern vertraut machen. Der feste Bund zwischen ihnen muss eine ewige Bindung werden, und ihr Bestreben muss Wesensverwandtschaft, Freundschaft, Einigkeit und Leben für ewig sein ... Die Heirat von Bahá'í bedeutet, dass Mann und Frau geistig und körperlich eins werden müssen, damit sie ewig geeint sein mögen in allen Welten Gottes und einander im geistigen Leben vervollkommnen."
(Tablets of ´Abdu'l-Bahá)

Die äußere Form der Bahá'í-Eheschließung ist sehr einfach: einzige Bedingung ist, dass Bräutigam und Braut in Gegenwart von mindestens zwei Zeugen sprechen: "Wir wollen uns wahrlich ganz an Gottes Willen halten".



Scheidung

In den Fragen der Scheidung wie der Heirat sind die Anweisungen der Offenbarer den Zeitverhältnissen entsprechend voneinander abgewichen.

´Abdu'l-Bahá stellt die Bahá'í-Lehre bezüglich der Scheidung so dar:

"Die Freunde (Bahá'í) müssen unbedingt von einer Scheidung absehen, es sei denn, dass etwas aufkommt, was sie zwingt, sich aus gegenseitiger Abneigung zu trennen. In einem solchen Fall mögen sie sich mit Kenntnis des Geistigen Rates zur Trennung entschließen. Sie müssen dann geduldig sein und ein volles Jahr warten. Wenn während dieses Jahres zwischen ihnen der Einklang nicht wieder hergestellt wird, dann mag ihre Scheidung vollzogen werden ... Die Grundlage des Königreichs Gottes beruht auf Einklang und Liebe, Einheit, Verbundenheit und Einigkeit, nicht auf Streit, besonders nicht zwischen Mann und Frau. Wenn einer von beiden die Ursache der Scheidung wird, wird dieser unfehlbar in große Schwierigkeiten geraten, das Opfer schlimmen Unheils werden und schwere Gewissensbisse leiden."
(´Abdu'l-Bahá, in einem Tablet an die Bahá'í in Amerika.)

Im Punkte der Scheidung wie in andern Angelegenheiten werden die Bahá'í natürlich nicht allein durch die Bahá'í-Lehre gebunden sein, sondern auch durch die Gesetze des Landes, in dem sie leben.

Der Bahá'í-Kalender

Bei den verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten wurden verschiedene Systeme für die Zeitrechnung und für das Festlegen von Daten gewählt, und noch heute sind verschiedene voneinander abweichende Kalender in täglichem Gebrauch, wie der gregorianische in Westeuropa, der julianische in manchen Ländern Osteuropas, der jüdische bei den Juden und der muhammadanische bei den Gemeinschaften des Islam.

Der Báb kennzeichnete die Bedeutung des Zeitalters, als dessen Herold Er kam, durch die Einführung eines neuen Kalenders. In diesem ist, wie im gregorianischen Kalender, der Mondmonat fallen gelassen und das Sonnenjahr gewählt.

Das Bahá'í-Jahr besteht aus 19 Monaten zu je 19 Tagen (was 361 Tage ergibt), mit der Hinzunahme gewisser "Schalttage" (vier im gewöhnlichen und fünf im Schaltjahr) zwischen dem 18. und dem 19. Monat, um den Kalender dem Sonnenjahr anzupassen.

Der Báb nannte die Monate nach den Eigenschaften Gottes. Das Bahá'í-Neujahr ist, gleich dem alten persischen Neujahr, astronomisch festgelegt, beginnend bei der März-Tag-und Nachtgleiche (gewöhnlich am 21. März). Das Bahá'í-Zeitalter beginnt mit dem Jahre der Erklärung des Báb (1844 n. Chr., 1260 d. H.)

Hier folgen die Monate nach dem Bahá'í-Kalender:

Monat Arabischer Name Übersetzung Die ersten Tage fallen auf
1. Bahá Glanz 21. März
2. Jalál Herrlichkeit, Ruhm 9. April
3. Jamál Schönheit 28. April
4. 'Azamát Größe 17. Mai
5. Nur Licht 5. Juni
6. Rahmat Barmherzigkeit 24. Juni
7. Kalimát Worte 13. Juli
8. Kamál Vollkommenheit 1. August
9. Asmá' Namen 20. August
10. 'Izzat Macht, Würde 8. September
11. Mashíyyat Wille 27. September
12. 'Ilm Erkenntnis, Wissen 16. Oktober
13. Qudrat Kraft, Macht 4. November
14. Qawl Sprache 23. November
15. Masa'il Fragen 12. Dezember
16. Sharaf Ehre 31. Dezember
17. Sultan Herrschaft 19. Januar
18. Muìk Oberherrschaft 7. Februar
Eingeschobene Tage, 26. Februar bis 1. März einschließlich
19. 'Alá Erhabenheit 2. März


In nicht ferner Zeit wird es nötig werden, dass sich alle Völker der Welt auf einen gemeinsamen Kalender einigen.

Es erscheint daher durchaus angebracht, dass das neue Zeitalter der Einheit auch einen neuen Kalender bringt, frei von den Bedenken und Zusammenhängen, die jeden der älteren Kalender für große Teile der Weltbevölkerung unannehmbar machen, und es ist schwer abzusehen, welche andere Anordnung sich durch die gleiche Einfachheit und Bequemlichkeit auszeichnen könnte, wie die, welche der Báb vorschlug.



Geistige Rate

Ehe ´Abdu'l-Bahá Seine irdische Mission erfüllte, hatte Er eine Grundlage für die Entwicklung der in Bahá'u'lláhs Schriften aufgestellten Verwaltungsordnung gelegt. Um die hohe Bedeutung, die der Institution des Geistigen Rates beigemessen werden muss, zu zeigen, erklärte ´Abdu'l-Bahá in einem Tablet, dass eine gewisse Übersetzung durch den Geistigen Rat von Kairo vor der Veröffentlichung gutgeheißen werden müsse, obwohl sogar Er selbst den Text überprüft und verbessert hatte.

Unter einem Geistigen Rat ist der Verwaltungskörper von neun Personen zu verstehen, der jährlich durch jede örtliche Bahá'í-Gemeinde gewählt wird, und der mit der Vollmacht zu Entscheidungen in allen Fragen gemeinsamer Tätigkeit in der Gemeinde bekleidet ist. Diese Bezeichnung ist zeitlich begrenzt, da in Zukunft die Geistigen Rate Häuser der Gerechtigkeit genannt werden.

Anders als die Kirchenorganisationen sind diese Bahá'í-Körperschaften eher soziale als kirchliche Einrichtungen, d. h., sie wenden das Gesetz der Beratung auf alle Fragen und Schwierigkeiten an, die sich unter den Bahá'í erheben, und die nicht vor das Zivilgericht gebracht werden sollen, und suchen Einigkeit sowohl als Gerechtigkeit in der Gemeinde zu fördern.

Der Geistige Rat ist in keiner Weise mit dem Priestertum oder der Geistlichkeit gleichbedeutend, ist aber verantwortlich für das Hochhalten der Lehren, die Anregung zu tätigem Dienst, das Abhalten von Versammlungen, die Aufrechterhaltung der Einheit, die treuhänderische Verwaltung des Bahá'í-Eigentums für die Gemeinde und deren Vertretung in ihren Beziehungen zur Öffentlichkeit und zu anderen Bahá'í-Gemeinden.

Die Beschaffenheit des Geistigen Rates, des örtlichen wie des Nationalen, wird ausführlicher in dem Abschnitt über ´Abdu'l-Bahás Willen und Testament im letzten Kapitel dieses Buches beschrieben. Seine allgemeinen Aufgaben werden von Shoghi Effendi wie folgt umrissen:

"Die Angelegenheit des Lehrens, seine Richtung, seine Wege und Mittel, sein Ausmaß, seine Festigung, so wichtig dies alles für das Wohl der Sache ist, stellt in keiner Weise den einzigen Gegenstand dar, welcher die volle Aufmerksamkeit dieser Geistigen Rate finden sollte. Ein sorgsames Studium der Tablets von Bahá'u'lláh und ´Abdu'l-Bahá lässt erkennen, dass andere Pflichten, nicht weniger lebenswichtig für das Wohl der Sache, den erwählten örtlichen Vertretern der Freunde anheim fallen.

Ihnen obliegt, wachsam und vorsichtig, verschwiegen und achtsam zu sein und zu allen Zeiten den Tempel der Sache vor den Pfeilen der Unheilstifter und dem Ansturm der Feinde zu beschützen. Sie müssen sich bemühen, Freundschaft und Eintracht unter den Freunden zu fördern, jegliche sich weiterschleppende Spur von Misstrauen, Kühle und Entfremdung aus den Herzen zu tilgen und statt dessen eine tätige Zusammenarbeit aus ganzem Herzen für den Dienst in der Sache zu sichern.

Sie müssen ihr Äußerstes tun, jederzeit die helfende Hand den Armen, Kranken, Krüppeln, Waisen und Witwen, gleichgültig welcher Farbe, Klasse oder Konfession, entgegenzustrecken. Sie müssen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die materielle und geistige Aufklärung der Jugend und die Erziehung der Kinder fördern, wenn immer möglich Bahá'í-Erziehungsinstitutionen gründen, deren Arbeit organisieren und die besten Möglichkeiten für ihre Entwicklung und Fortsetzung schaffen.

Sie müssen das Abhalten von regelmäßigen Versammlungen der Freunde, von Festen und Gedenktagen ermöglichen, und ebenso von besonderen Versammlungen, dazu bestimmt, dem sozialen, intellektuellen und geistigen Wohle ihrer Mitmenschen zu dienen. Sie müssen in diesen Tagen, da die Sache noch in ihrer Kindheit ist, Bahá'í-Veröffentlichungen und Übersetzungen überprüfen und allgemein für eine würdige und richtige Vertretung aller Bahá'í-Literatur und deren Verteilung an die allgemeine Öffentlichkeit sorgen."

Die Möglichkeiten, die in Bahá'í-Institutionen schlummern, können nur dann richtig geschätzt werden, wenn man sich vergegenwärtigt, wie rasch die moderne Zivilisation im Zerfall begriffen ist aus Mangel an jener geistigen Kraft, die allein das nötige Maß von Verantwortlichkeit und Ergebenheit gegenüber den Führern und die nötige Treue gegenüber den Einzelgliedern der Gesellschaft schaffen kann.



Bahá'í-Feste, Gedenktage und Fasttage
  • Naw-Rúz (Neujahr), 21. März,
  • Ridván-Fest (Erklärung Bahá'u'lláhs), 21. April bis 2. Mai.
  • Erklärung des Báb, 23. Mai40).
  • Hinscheiden Bahá'u'lláhs, 29. Mai.
  • Märtyrertod des Báb, 9. Juli.
  • Geburt des Báb, 20. Oktober.
  • Geburt Bahá'u'lláhs, 12. November.
  • Tag des Bündnisses, 26. November.
  • Hinscheiden ´Abdu'l-Bahás, 28. November 1921.
  • Fastenzeit, 19 Tage vom 1. 'Alá' = 2. März an.
Feste

Die der Bahá'í-Religion eigene Freudigkeit findet ihren Ausdruck in zahlreichen Festen und Feiertagen im Verlaufe des Jahres. In einer Ansprache beim Naw-Rúz-Fest in Alexandria, Ägypten, sagte ´Abdu'l-Bahá im Jahre 1912:

"In jedem Zyklus und mit jeder Offenbarung gibt es in den geheiligten Gesetzen Gottes gesegnete Feste, Feiertage und arbeitsfreie Tage. An solchen Tagen sollten alle Arten von Beschäftigung, Handel, Industrie, Landbau und dergleichen unterlassen werden. Alle sollten sich miteinander freuen, allgemeine Versammlungen abhalten, wie eine Gemeinde werden, damit die nationale Einheit, Einigkeit und Harmonie allen vor Augen geführt wird.
Weil es gesegnete Tage sind, sollten sie nicht vernachlässigt oder ihrer Wirkung beraubt werden, indem man sie zu Tagen macht, an denen man sich nur dem Vergnügen hingibt.
Während solcher Tage sollten Einrichtungen geschaffen werden, die von dauerndem Segen und Wert für die Menschen sind ...

Heute trägt nichts größeren Erfolg oder größere Frucht als die Führung der Menschen. Unzweifelhaft müssen an solchem Tag menschenfreundliche oder ideale Spuren von den Freunden Gottes sichtbar zurückbleiben, die in die ganze Menschheit hinaus dringen und nicht nur den Bahá'i zugute kommen. In dieser wundervollen Sendung gelten menschendienliche Angelegenheiten für die ganze Menschheit ohne Ausnahme, weil jene die Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes ist. Es ist daher meine Hoffnung, dass die Freunde Gottes, jeder und alle, wie die Barmherzigkeit Gottes zur ganzen Menschheit werden mögen."

Die Feste Naw-Rúz und Ridván, die Jahrestage der Geburt des Báb und von Bahá'u'lláh, sowie der Jahrestag der Erklärung des Báb (der auch der Geburtstag von ´Abdu'l-Bahá ist), sind für die Bahá'í die großen Freudentage des Jahres. In Persien werden sie mit einem Mahl im Freien und mit festlichen Versammlungen gefeiert, bei denen Musik, Singen von Liedern und Tablets geboten und kurze Ansprachen je nach Gelegenheit von den Anwesenden gehalten werden. Die Eingeschobenen Tage zwischen dem 18. und dem 19. Monat (26. Februar bis 1. März einschließlich) sind ganz besonders der Bewirtung der Freunde, dem Geschenkegeben, der Fürsorge für die Armen und Kranken und dergleichen gewidmet.

Die Jahrestage des Märtyrertums des Báb und des Heimgangs von Bahá'u'lláh und ´Abdu'l-Bahá werden durch geeignete Zusammenkünfte und Reden, durch Singen von Gebeten und Tablets feierlich begangen.

Fasten

Der neunzehnte Monat, der unmittelbar auf die Gastlichkeit der eingeschobenen Tage folgt, ist der Monat des Fastens. Neunzehn Tage lang wird durch Enthaltung von Speise und Trank zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gefastet. Da der Monat des Fastens mit der Tag- und Nachtgleiche des März endet, so fällt das Fasten immer in den gleichen Jahreszeitraum, das heißt, in den Frühling im Norden, in den Herbst im Süden, niemals aber in die höchste Glut des Sommers oder in die strengste Kälte des Winters, wo gleicherweise sich daraus Schwierigkeiten ergeben würden. Überdies ist in diesem Teil des Jahres die Zeitspanne zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang annähernd die gleiche auf dem ganzen bewohnten Teil der Erde, nämlich von etwa sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Das Fasten ist nicht bindend für Kinder und Kranke, für Reisende, oder für jene, die zu alt und zu schwach sind, sowie für Frauen, die ein Kind erwarten oder selbst stillen.

Es ist leicht zu beweisen, dass ein periodisches Fasten, wie es die Bahá'í-Lehre vorschreibt, eine wohltätige Maßnahme zur Erhaltung körperlicher Gesundheit ist. Aber ebenso wie die wahre Bedeutung des Bahá'í-Festes nicht im Genuss natürlicher Speise liegt, sondern in dem Gedenken Gottes, das unsere geistige Speise ist, so besteht die wahre Bedeutung des Bahá'í-Fastens nicht in der Enthaltung von natürlicher Speise, obgleich dies zur Reinigung des Körpers beiträgt, sondern in der Enthaltsamkeit von körperlichen Begierden und in der Trennung von allem außer Gott.

´Abdu'l-Bahá sagt:

"Das Fasten ist ein Sinnbild. Fasten bezeichnet die Enthaltsamkeit von Gelüsten. Körperliches Fasten ist ein Sinnbild dieser Enthaltung und eine Mahnung an sie. Das heißt, wie sich jemand körperlich von Gaumenreizen enthält, soll er sich von Selbstsucht und selbstischen Begierden enthalten. Bloße Enthaltung von Speise aber hat keinen Einfluss auf den Geist. Sie ist nur ein Sinnbild, eine Mahnung. Sonst hat sie keine Bedeutung. Das Fasten aus diesem Grund also bedeutet nicht völlige Enthaltung von Speise. Die goldene Regel für das Essen ist: nicht zu viel und nicht zu wenig. Mäßigkeit ist nötig. In Indien gibt es eine Sekte, die äußerste Enthaltsamkeit beachtet und ihre Speise stufenweise verringert, bis sie von beinahe nichts lebt. Aber ihr Verstand leidet darunter. Ein Mensch ist nicht fähig, Gott mit Gehirn und Körper zu dienen, wenn er durch Nahrungsmangel geschwächt ist. Er kann nicht klar sehen."
(´Abdu'l-Bahá, zitiert von Miss E. S. Stevens, in Fortnightly Review, Juni 1911.)

Versammlungen

´Abdu'l-Bahá misst die größte Wichtigkeit regelmäßigen Versammlungen der Gläubigen zur gemeinsamen Andacht, zur Erklärung und zum Studium der Lehren und zur Beratung über den Fortschritt der Religion bei. In einem Seiner Tablets sagt Er:

"Durch den Wunsch Gottes ist bestimmt worden, dass Einigkeit und Einklang Tag für Tag unter den Freunden Gottes und den Dienerinnen des Barmherzigen wachsen mögen. Ehe dies nicht Wirklichkeit ist, werden die Dinge nicht gedeihen, welche Mittel man auch anwenden mag. Und die besten Mittel für Einheit und Einklang aller sind geistige Versammlungen. Dieser Punkt ist sehr wichtig und ist ein Magnet, um göttliche Bestätigung anzuziehen."
(Tablets of ´Abdu'l-Bahá, Band I, S. 124 f.)

In den geistigen Versammlungen der Bahá'í müssen streitsüchtige Beweisführung und Erörterung von politischen und weltlichen Dingen vermieden werden. Die einzige Absicht der Gläubigen sollte sein, die göttliche Wahrheit zu lehren und zu lernen, die Herzen mit göttlicher Liebe zu erfüllen, nach vollkommenerem Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber zu streben und das Kommen des Königreichs Gottes zu fördern. In einer Ansprache in New-York im Jahr 1912 sagte ´Abdu'l-Bahá:

"Die Bahá'í-Versammlung muss die Versammlung der himmlischen Engel sein. Sie muss erleuchtet sein von den Lichtern der himmlischen Heerscharen. Die Herzen müssen wie Spiegel sein, darin sich die Strahlen der Sonne der Wahrheit offenbaren. Jede Brust muss einem Sender gleichen: das eine Ende der Verbindung soll im Innern der Seele, das andere bei den himmlischen Heerscharen sein, damit so Botschaften zwischen ihnen ausgetauscht werden können. Auf diese Weise wird vom Königreich Abhá Eingebung herabströmen und in allen Erörterungen wird Einklang herrschen ... Je mehr Übereinstimmung, Einheit und Liebe unter euch herrscht, desto mehr werden euch die Bestätigungen Gottes helfen, und die Hilfe und der Beistand der Gesegneten Schönheit Bahá'u'lláh wird euch unterstützen."

In einem Tablet sagt ´Abdu'l-Bahá:

"In diesen Versammlungen muss die Unterhaltung über fremde Dinge gänzlich vermieden werden, und die Zusammenkunft muss ausgefüllt werden mit Singen von Versen und Lesen von Worten und mit Dingen, die sich auf die Sache Gottes beziehen, wie mit der Erklärung von Beweisen, dem Anführen klarer und greifbarer Beweistatsachen und dem Aufsuchen der Zeichen des Geliebten der Geschöpfe. Wer die Versammlung besucht, muss sich vor ihrem Betreten mit äußerster Sauberkeit kleiden und sich zum Königreich Abhá hinwenden und dann in die Versammlung gehen in aller Sanftmut und Demut. Während die Tablets verlesen werden, muss er ruhig und still sein; und wenn jemand zu sprechen wünscht, so muss er dies in aller Höflichkeit tun, mit der Billigung und Erlaubnis der Anwesenden, und er muss geläufig und mit Beredsamkeit sprechen."



Das Neunzehntagefest

Mit der Entfaltung der Bahá'í-Verwaltungsordnung seit dem Heimgang ´Abdu'l-Bahás hat das Neunzehntagefest, das am ersten Tage eines jeden Bahá'í-Monats gehalten wird, eine ganz besondere Bedeutung gewonnen, da es nicht nur für das gemeinsame Gebet und das Lesen aus den heiligen Büchern vorgesehen ist, sondern auch für die allgemeine Beratung aller laufenden Bahá'í-Angelegenheiten und für den geselligen Umgang der Freunde miteinander. Dieses Fest ist die Gelegenheit, da der Geistige Rat der Gemeinde seine Berichte erstattet und sowohl zur Besprechung von Plänen als auch Anregungen für neue und bessere Wege im Glaubensdienste einlädt.
Mashriqu'l-Adhkár

Bahá'u'lláh hinterließ Anweisungen, dass Tempel zur Gottesverehrung von Seinen Anhängern in jedem Land und in jeder Stadt gebaut werden sollten. Diesen Tempeln gab er den Namen "Mashriqu'l-Adhkár", was "Dämmerungsort von Gottes Lobpreis" bedeutet. Der Mashriqu'l-Adhkár soll ein neunseitiger Bau sein, überragt von einer Kuppel, und so herrlich wie möglich in Entwurf und Ausführung. Er soll in einem großen Garten stehen, der geschmückt ist mit Brunnen, Bäumen und Blumen, und umgeben sein von einer Anzahl ergänzender Bauten, die erzieherischen, wohltätigen und sozialen Zwecke dienen, damit die Anbetung Gottes im Tempel immer innig verbunden sein möge mit andächtiger Freude an den Schönheiten der Natur und der Kunst und mit praktischer Arbeit für die Verbesserung der sozialen Zustände.

In Persien war den Bahá'í bisher der Bau von Tempeln zur öffentlichen Andacht verwehrt, und so wurde der erste große Mashriqu'l-Adhkár in 'Ishqábád, Russland (Turkmenistan), gebaut. Zum zweiten Bahá'í-Haus der Andacht legte ´Abdu'l-Bahá während Seines Besuches in Amerika 1912 den Grundstein am Michigansee, wenige Meilen nördlich von Chicago.

In verschiedenen Tablets schreibt ´Abdu'l-Bahá bezüglich dieses "Muttertempels" des Westens folgendes:

"Preis sei Gott, dass augenblicklich aus jedem Land der Welt im Verhältnis zu den unterschiedlichen Mitteln unausgesetzt Beiträge gesandt werden zum Baufonds des Mashriqu'l-Adhkar in Amerika... Seit den Tagen Adams bis heute ist so etwas unter den Menschen nicht vorgekommen, dass vom fernsten Lande Asiens Beiträge nach Amerika gehen. Dies geschieht durch die Macht des Bündnisses Gottes. Wahrlich, für die Menschen, die nachdenken, ist dies eine staunenswerte Sache. Hoffentlich zeigen die Gläubigen Gottes Großherzigkeit und bringen eine große Summe für den Bau auf ... Ich wünsche, dass es jedermann überlassen bleibe, frei zu handeln, wie er will. Wenn jemand sein Geld zu anderen Zwecken verwenden will, so lasst ihn dies tun. Mengt euch nicht in irgendeiner Weise darein, aber seid versichert, dass das Wichtigste in dieser Zeit der Bau des Mashriq'l-Adhkár ist.

Das Mysterium des Baus ist groß und kann jetzt noch nicht enthüllt werden, aber seine Errichtung ist das wichtigste Werk dieses Tages. Der Mashriqu'l-Adhkar hat wichtige Ergänzungsgebäude, welche bei der Gründung schon mit in Rechnung gezogen werden. Dies sind: ein Waisenhaus, ein Krankenhaus und eine Apotheke für die Armen, ein Heim für die Arbeitsunfähigen, eine Hochschule für höhere wissenschaftliche Bildung und ein Fremdenheim. In jeder Stadt muss nach diesem Befehl ein großer Mashriqu'l-Adhkar gegründet werden. Im Mashriqu'l-Adhkar werden jeden Morgen Gottesdienste gehalten. Eine Orgel wird im Mashriqu'l-Adhkar nicht sein. In den Nebenbauten werden Feste, Gottesdienste, Zusammenkünfte, öffentliche Versammlungen und geistige Versammlungen gehalten werden, aber im Tempel werden Lied und Gesang unbegleitet sein. Öffnet die Tore des Tempels allen Menschen.

Wenn diese Einrichtungen, Hochschule, Hospital, Fremdenheim und Krankenhaus für Unheilbare, Universität zum Studium höherer Wissenschaften und zur Fortbildung und andere der Menschheit dienende Bauten, erstellt sein werden, so werden die Tore allen Nationen und Religionen offen stehen. Es wird durchaus keine Trennungslinie gezogen werden. Ihre Wohltaten werden ungeachtet der Farbe oder Rasse erwiesen werden. Ihre Tore werden dem Menschengeschlecht weit offen stehen. Vorurteile gegen niemanden, Liebe für alle. Der Hauptbau wird Gebet und Andacht geweiht sein. Auf diese Weise ... wird Religion mit Wissenschaft in Einklang gebracht und die Wissenschaft zur Dienerin der Religion werden, und beide werden ihre materiellen und geistigen Gaben auf die ganze Menschheit strömen lassen."



Leben nach dem Tod

Bahá'u'lláh sagt uns, dass das Leben im Körper nichts anderes ist als ein embryonaler Zustand unseres Daseins, und dass das Entrinnen aus dem Körper einer neuen Geburt zu vergleichen ist, durch die der menschliche Geist in ein volleres, freieres Leben eintritt.

Er schreibt:

"Wisse, dass die Seele nach der Trennung vom Leibe weiter fortschreitet, bis sie die Gegenwart Gottes in einer Beschaffenheit und Daseinsstufe erreicht, die weder der Umbruch der Zeiten und Jahrhunderte noch die Glücks- und Wechselfälle dieser Welt ändern können! Sie wird solange bestehen wie das Reich Gottes, Seine Herrschaft, Hoheit und Macht. Sie wird die Zeichen und Eigenschaften Gottes offenbaren und Seine liebende Güte und Huld enthüllen. Meine Feder stockt, wenn sie die Höhe und Herrlichkeit einer so erhabenen Stufe gebührend zu beschreiben sucht. Mit solcher Ehre wird die allgnädige Hand die Seele bekleiden, dass sie keine Zunge gebührend schildern noch ein anderes irdisches Mittel beschreiben kann. Gesegnet die Seele, die bei ihrer Trennung vom Leibe über den leeren Wahn der Weltmenschen geheiligt ist! Eine solche Seele lebt und wirkt im Einklang mit dem Willen ihres Schöpfers und geht in das höchste Paradies ein. Die Himmelsdienerinnen, Bewohnerinnen der erhabensten Stätten, werden sich um sie scharen und die Offenbarer und Erwählten Gottes ihre Gesellschaft suchen. Mit ihnen wird die Seele frei verkehren und ihnen berichten, was sie auf dem Wege zu Gott, dem Herrn aller Welten, erdulden musste. Wenn ein Mensch erführe, was in den Welten Gottes, der in der Höhe und hienieden auf Erden thront, dieser Seele zugewiesen wurde, so würde sein ganzes Wesen augenblicklich in großem Verlangen entflammen, diese erhabenste, geheiligte und glänzende Stufe zu erreichen ...

Das Wesen der Seele nach dem Tode lässt sich niemals beschreiben, noch ist es angemessen und zulässig, ihren vollen Charakter den Augen der Menschen zu enthüllen. Die Manifestationen und Boten Gottes wurden nur herab gesandt, um die Menschen auf den geraden Weg der Wahrheit zu führen. Ihre Offenbarung hatte den Zweck, alle Menschen zu erziehen, damit sie in ihrer Todesstunde in äußerster Reinheit und Heiligkeit und in völliger Loslösung zum Thron des Höchsten aufsteigen möchten. Das Licht, das diese Seelen ausstrahlen, bestimmt den Fortschritt der Welt und die Höherentwicklung ihrer Bewohner. Sie sind wie der Sauerteig, der die Welt des Daseins durchdringt. Sie bilden die Lebenskraft, durch welche die Künste und Wunder dieser Welt zustande kommen. Durch Sie regnen die Wolken ihre Segensgabe auf die Menschen nieder und bringt die Erde ihre Früchte hervor. Alle Dinge haben zwangsläufig eine Ursache, eine treibende Kraft und eine Lebensquelle. Diese Seelen und Sinnbilder der Loslösung liefern der Welt des Daseins jetzt und in Zukunft den stärksten bewegenden Antrieb. Das Jenseits ist so verschieden vom Diesseits, wie diese Welt von der Welt des Kindes, das noch im Mutterleibe ruht."
(Ährenlese aus den Schriften Bahá'u'lláhs, Kap. LXXXI.)

Ähnlich schreibt ´Abdu'l-Bahá:

"Die Geheimnisse, die der Mensch in dieser irdischen Welt nicht beachtet, wird er in der himmlischen Welt entdecken, und dort wird ihm das Geheimnis der Wahrheit kund. Wie viel mehr noch wird er Personen, mit denen er zusammen gewesen ist, wieder erkennen oder entdecken! Ohne Zweifel werden die heiligen Seelen, die zu reinem Schauen gelangen und mit Einblick begnadet sind, im Königreich des Lichts mit allen Geheimnissen vertraut, und sie werden nach der Gabe trachten, die Wirklichkeit jeder großen Seele zu bezeugen. Ja, sie werden die Schönheit Gottes in jener Welt deutlich schauen. Ebenso werden sie alle Freunde Gottes aus alten und jüngsten Zeiten in der himmlischen Versammlung vorfinden ... Die Verschiedenheit der Art und der Stufe wird bei allen Menschen naturgemäß wahrgenommen, wenn sie aus dieser sterblichen Welt gegangen sind. Sie bezieht sich jedoch nicht auf den Raum, sondern auf die Seele und ihr Bewusstsein. Das Königreich Gottes ist über Raum und Zeit geheiligt; es ist eine andere Welt und ein anderes Weltall. Aber den heiligen Seelen ist die Gabe der Vermittlung verheißen. Wisse mit Bestimmtheit, dass in den göttlichen Welten die geistig Geliebten einander erkennen und Vereinigung miteinander suchen werden - eine geistige Vereinigung. Ebenso wird eine Liebe, die jemand für einen andern gehegt hat, in der Welt des Königreiches nicht vergessen werden. Desgleichen wirst du dort das Leben, das du in dieser irdischen Welt geführt hast, nicht vergessen."
(Tablets of ´Abdu'l-Bahá, Bd. I, S. 205.)



Himmel und Hölle

Bahá'u'lláh und ´Abdu'l-Bahá betrachten die Beschreibungen von Himmel und Hölle, wie sie in manchen der älteren Religionsschriften gegeben werden, als sinnbildlich, gleich der biblischen Erzählung von der Schöpfung, und nicht als buchstäblich wahr. Nach Ihnen ist der Himmel der Zustand der Vollkommenheit und Hölle der Zustand der Unvollkommenheit. Himmel ist Einklang mit Gottes Willen und mit unsern Mitmenschen, und Hölle ist das Fehlen dieses Einklangs. Himmel ist der Zustand geistigen Lebens, Hölle des geistigen Todes. Ein Mensch kann im Himmel oder in der Hölle sein, während er sich noch im Körper befindet. Die Freuden des Himmels sind geistige Freuden, und die Qualen der Hölle bestehen darin, dieser Freuden beraubt zu sein.

´Abdu'l-Bahá sagt:

"Wenn (die Menschen) durch das Licht des Glaubens von der Dunkelheit dieser Laster befreit, durch das Strahlen der Sonne der Wirklichkeit erleuchtet und mit allen Tugenden geadelt werden, so halten sie dies für die größte Belohnung und wissen, dass es das wahre Paradies ist. In gleicher Weise betrachten sie es als geistige Bestrafung, das heißt als Qual und Strafe des Daseins, der natürlichen Welt unterworfen zu sein, Gott fern zu sein, roh und unwissend zu sein, fleischlichen Gelüsten zu unterliegen, von sinnlichen Schwächen gefesselt zu sein und mit schlechten Eigenschaften ... behaftet ... zu sein - für sie sind dies die größten Strafen und Qualen ... Die Belohnungen der anderen Welt sind die Vollkommenheiten und der Friede, die nach Verlassen dieser Welt in den geistigen Welten erlangt werden ...
(Sie) sind Friede, geistige Tugenden, verschiedene geistige Gaben im Reiche Gottes, Erfüllung der Wünsche von Herz und Seele und Begegnung mit Gott in der Welt der Ewigkeit. In gleicher Weise bestehen die Strafen der anderen Welt, das heißt ihre Qualen, im Beraubtsein der besonderen göttlichen Segnungen und vollkommenen Gnadengaben und im Herabsinken auf die niedrigste Stufe des Seins. Jeder, der von diesen göttlichen Gunstbezeigungen ausgeschlossen ist, wird, obwohl er nach dem Tode weiter besteht, vom Volk der Wahrheít als tot angesehen ...

Der Reichtum der anderen Welt ist die Gottnähe. Folglich ist es gewiss, dass jene, die dem göttlichen Hof nahe sind, Fürsprache einlegen dürfen, und diese Fürsprache wird von Gott gebilligt...

Es ist sogar möglich, dass die Lage derer, die in Sünde und Unglauben gestorben sind, geändert werden kann; das heißt, sie mögen zum Gegenstand der Verzeihung durch die Gnade Gottes, nicht durch Seine Gerechtigkeit, werden; denn Gnade gibt ohne Verdienst, Gerechtigkeit aber gibt nach Verdienst. Wie wir hier die Kraft haben, für diese Seelen zu beten, so werden wir die gleiche Kraft auch in der anderen Welt, die das Reich Gottes ist, besitzen. Darum können sie auch in jener Welt Fortschritte machen. Wie sie hier durch ihre demütigen Bitten Licht empfangen können, so können sie auch dort um Vergebung flehen und durch Bitten und Beten Licht erlangen ...

Sowohl vor als auch nach dem Ablegen dieser irdischen Gestalt gibt es in der Vollkommenheit Fortschritt, aber nicht in der Stufe. Es gibt kein höheres Geschöpf als den vollkommenen Menschen. Aber der Mensch kann, wenn er diese Stufe erreicht hat, in der Vollkommenheit noch Fortschritte machen, nicht aber in der Stufe, denn eine höhere als die des vollkommenen Menschen - die für ihn erreichbar wäre - gibt es nicht. Auf der Stufe der Menschheit allein macht er Fortschritte, denn die menschlichen Vollkommenheiten sind unbegrenzt. Wie gelehrt zum Beispiel ein Mensch auch sein mag, wir können uns immer einen noch Gelehrteren vorstellen. Weil die menschlichen Vollkommenheiten unbegrenzt sind, darum kann der Mensch auch nach Verlassen dieser Welt Fortschritte in den Vollkommenheiten machen."
(´Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, Kap. 60-64, S. 219-230.)

Einheit der zwei Welten

Wie von Bahá'u'lláh gelehrt, umfasst die Einheit der Menschheit nicht nur die Menschen, die noch im Körper wandeln, sondern alle menschlichen Wesen, ob sie noch im Körper oder körperlos sind. Nicht nur alle Menschen, die noch auf der Erde leben, sind Teile eines und desselben Organismus, sondern auch alle in den geistigen Welten, und diese zwei Teile sind eng voneinander abhängig. Geistige Gemeinschaft der einen mit der andern ist nicht unmöglich oder unnatürlich, sie ist vielmehr beständig und unvermeidlich vorhanden. Die, deren geistige Fähigkeiten noch unentwickelt sind, sind sich dieser lebendigen Verbindung nicht bewusst, aber wie sich des Menschen Fähigkeiten entwickeln, wird er sich der Verbindung mit den im Jenseits Befindlichen nach und nach mehr bewusst und klar. Den Offenbarern und Heiligen ist diese geistige Gemeinschaft so vertraut und wirklich wie das gewöhnliche Schauen und der gewöhnliche Verkehr den übrigen Menschen.

´Abdu'l-Bahá sagt:

"Die Visionen der Propheten sind keine Träume; nein, sie sind geistige Entdeckungen und haben Wirklichkeit. Sie sagen zum Beispiel: ,Ich sah ein Wesen von bestimmter Gestalt, ich sagte ihm dies, und es antwortete mir jenes'. Diese Vision erfolgt in der Welt des wachen Bewusstseins und nicht in der des Schlafes. Es ist vielmehr eine geistige Entdeckung ... Unter geistigen Seelen gibt es geistiges Verstehen und Entdecken, eine Verbindung, die von Einbildung und Wahn geläutert ist, und eine Vereinigung, die über Zeit und Raum geheiligt ist. So steht im Evangelium, dass auf dem Berge Tabor Moses und Elias zu Christus kamen, und es ist offenkundig, dass dies keine körperliche Begegnung war. Es war ein geistiges Geschehen ...
Diese (Visionen) sind Wirklichkeit, sie erzielen wunderbare Ergebnisse in den Köpfen und Gedanken der Menschen und bewirken, dass ihre Herzen angezogen werden."
(´Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, Kap. 71, S. 244 f.)

Während Er die Wirklichkeit "übernormaler" seelischer Fähigkeiten bestätigt, wehrt Er von Versuchen ab, ihre Entwicklung vorzeitig zu erzwingen. Diese Fähigkeiten werden sich naturgemäß zur rechten Zeit entfalten, wenn wir nur dem Pfade geistigen Fortschritts folgen, den die Offenbarer uns vorgezeichnet haben.

Er sagt:

"Sich mit übersinnlichen Kräften abzugeben, während man auf dieser Welt weilt, wirkt störend auf den Zustand der Seele in der nächsten Welt. Diese Kräfte sind wirklich, treten aber normalerweise auf dieser Ebene nicht in Tätigkeit. Das Kind im Mutterleib hat seine Augen, Ohren, Hände, Füße usw., aber sie treten nicht in Tätigkeit. Der ganze Zweck des Lebens in der materiellen Welt ist, hindurch zu dringen zur Welt der Wirklichkeit, wo diese Kräfte dann in Tätigkeit treten. Sie gehören jener Welt an."
(Aus Miss Buck Tons von ´Abdu'l-Bahá überprüften Notizen.)

Verkehr mit dem Geist Abgeschiedener sollte nicht um seiner selbst oder um eitler Neugierde willen gesucht werden. Es ist aber sowohl ein Vorrecht wie eine Pflicht für die, die sich auf der einen Seite des Schleiers befinden, die auf der andern Seite zu lieben, ihnen zu helfen und für sie zu beten. Gebete für die Toten sind den Bahá'í zur Pflicht gemacht.

´Abdu'l-Bahá sagt:

"Die Gnade wirkungsvoller Fürbitte ist eine der Vollkommenheiten, die die vorgeschrittenen Seelen wie auch die Manifestationen Gottes haben. Jesus Christus hatte die Macht, um Vergebung für Seine Feinde zu bitten, als Er auf Erden weilte, und sicherlich hat Er diese Macht jetzt noch. ´Abdu'l-Bahá erwähnt niemals den Namen einer verstorbenen Person ohne zu sagen: ,Möge Gott ihm vergeben!' oder Worte gleicher Art. Auch Anhänger der Offenbarer haben diese Kraft des Gebetes um Vergebung für Seelen. Wir dürfen daher nicht denken, dass manche Seelen, die in völliger Unkenntnis Gottes hinübergegangen sind, zum Dauerzustand des Leidens und des Untergangs verdammt sind. Die Kraft wirksamer Fürbitte für sie ist immer vorhanden ...
Wer in der andern Welt reich ist, kann dem Armen helfen, wie hier der Reiche dem Armen helfen kann. In allen Welten sind alle die Geschöpfe Gottes. Sie sind immer von Ihm abhängig. Sie sind nie unabhängig und können es nie sein. Weil sie Gottes bedürfen, werden sie desto reicher, je mehr sie flehen. Was ist ihr Handelsgut, was ihr Wohlstand? Was ist in der andern Welt Hilfe und Beistand? Es ist Fürbitte. Unentwickelte Seelen müssen den Fortschritt vor allem durch die Gebete der geistig Reichen zu gewinnen suchen. Hernach können sie auch durch ihre eigenen Gebete Fortschritte machen."
(´Abdu'l-Bahá, in einem Gespräch mit Miss E. J. Rosenberg im Jahre 1904.)

Ferner sagte Er:

"Die Hinübergegangenen haben Eigenschaften, die sich von denen derer, die noch auf Erden sind, unterscheiden, doch gibt es hier keine wirkliche Trennung. Im Gebet gibt es eine Verschmelzung der Stufe, eine Verschmelzung des Zustands. Bete für sie, wie sie für dich beten."
(´Abdu'l-Bahá in London, S. 97.)

Auf die Frage, ob es möglich sei, durch Glauben und Liebe die neue Offenbarung zur Kenntnis der Abgeschiedenen zu bringen, die nicht bei Lebzeiten von ihr gehört haben,
erwiderte ´Abdu'l-Bahá:

"Ja sicherlich! Weil aufrichtiges Gebet immer seine Wirkung hat, und es hat einen großen Einfluss in der andern Welt. Wir sind nie abgeschnitten von jenen, die dort sind. Der wahre und wirkliche Einfluss liegt nicht in dieser, sondern in der andern Welt."
(Notes of Mary Hanford Ford, Paris 1911.)

Andererseits schreibt Bahá'u'lláh:

"Wer dem entsprechend lebt, was für ihn vorgesehen wurde, für den werden die himmlischen Heerscharen und das Volk des allerhöchsten Paradieses und jene, die im Dome der Größe wohnen, beten, nach einem Befehl Gottes, des Köstlichsten, des Preiswürdigsten."
(Bahá'u'lláh, nach einem von 'Alí Kulí Khan übersetzten Tablet.)

Als ´Abdu'l-Bahá gefragt wurde, wie es zugehe, dass sich das Herz öfters instinktiv an Freunde wende, die in das nächste Leben eingegangen sind, antwortete Er:

"Es ist ein Gesetz in Gottes Schöpfung, dass sich der Schwache an den Starken lehnt. Die, zu denen du dich wendest, mögen Vermittler der göttlichen Kraft für dich sein, wie wenn sie auf Erden wären. Aber es ist der eine Heilige Geist, der allen Menschen Kraft verleiht."
(´Abdu'l-Bahá in London, S. 97.)



Nichtdasein des Übels

Nach der Bahá'í-Philosophie folgt aus der Lehre von der Einheit Gottes, dass es so etwas, wie unbedingtes Übel, nicht geben kann. Es kann nur eine Unendlichkeit geben. Gäbe es im Weltall irgendeine andere Kraft außerhalb des Einen oder entgegengesetzt dem Einen, dann würde der Eine nicht unendlich sein. Wie Dunkelheit nur das Fehlen oder ein geringerer Grad von Licht ist, so ist Übel nichts als das Fehlen des Guten oder ein geringerer Grad davon, der unentwickelte Zustand. Ein schlimmer Mensch ist ein Mensch, bei dem die höhere Seite seiner Natur noch unentwickelt ist. Wenn er eigensüchtig ist, so liegt das Übel nicht in seiner Liebe zum eigenen Selbst - alle Liebe, selbst Eigenliebe, ist gut, ist göttlich. Das Übel liegt darin, dass er eine arme, unangebrachte, missleitete Liebe zum eigenen Selbst und einen Mangel an Liebe für die andern und für Gott hat. Er blickt auf sich, als ob er allein eine höhere Art von Geschöpf wäre, und hätschelt törichterweise seine niedere Natur, wie man sein Schoßhündchen hätschelt - mit schlimmeren Folgen in seinem Fall als in dem des Hundes.

In einem Seiner Briefe schreibt ´Abdu'l-Bahá:

"Was deine Bemerkung anbetrifft, dass ´Abdu'l-Bahá zu verschiedenen der Gläubigen gesagt hat, dass es nie ein Übel gäbe, dass es vielmehr nichtexistent sei, so ist dies nur Wahrheit, weil es ja das größte Übel ist, dass die Menschen vom richtigen Weg abweichen und für die Wahrheit verhüllt sind. Irrtum ist Mangel an Führung, Dunkelheit ist Fehlen von Licht, Unwissenheit ist Mangel an Erkenntnis, Falschheit ist Mangel an Wahrhaftigkeit, Blindheit ist Mangel an Gesicht und Taubheit ist Mangel an Gehör. Daher sind Irrtum, Blindheit, Taubheit und Unwissenheit nicht bestehende Dinge."

Ferner sagt Er:

"In der Schöpfung gibt es nichts Böses; alles ist gut. Gewisse Eigenschaften und Charakterzüge, die manchen Menschen angeboren und scheinbar tadelnswert sind, sind es nicht in Wirklichkeit. Zum Beispiel kann man bei einem Säugling schon von Anfang seines Lebens an die Zeichen von Begierde, Ärger und Zorn bemerken. Es könnte also gesagt werden, Gut und Böse seien der Wirklichkeit des Menschen angeboren und dies stehe im Widerspruch zum reinen Gutsein der Natur und Schöpfung. Die Antwort darauf ist, dass Begierde, die ja ein Verlangen nach Mehr bedeutet, eine lobenswerte Eigenschaft ist, vorausgesetzt, dass sie am rechten Platz angewandt wird. Wenn also ein Mensch begierig ist, sich Wissen und Kenntnisse zu erwerben oder mitfühlend, großmütig und gerecht zu werden, so ist dies sehr anerkennenswert. Wenn er seinen Ärger und Zorn gegen blutdürstige Unterdrücker, die wilden Tieren gleichen, richtet, so ist dies ebenfalls sehr lobenswert; wenn er aber diese Eigenschaften nicht in der richtigen Weise anwendet, so sind sie zu tadeln ... Ebenso ist es mit allen natürlichen menschlichen Eigenschaften, die das Kapital des Lebens bilden; wenn sie auf unrechte Weise sich zeigen und angewandt werden, werden sie tadelnswert. Es ist daher klar, dass die Schöpfung absolut gut ist."
(´Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, Kap. 57, S. 211 f.)

Ein Übel ist immer Mangel an Leben. Wenn die niedere Seite der menschlichen Natur unverhältnismäßig stark entwickelt ist, so ist das Heilmittel nicht weniger Leben für diese Seite, sondern mehr Leben für die höhere Seite, auf dass das Gleichgewicht wieder hergestellt werde.
Christus sprach: "Ich bin gekommen, damit ihr Leben habt, und damit ihr es im Überfluss habt." (Joh. 10. 11.)
Das ist es, was wir alle brauchen, Leben, mehr Leben, das Leben, das in der Tat Leben ist!
Die Botschaft von Bahá'u'lláh ist die gleiche wie die von Christus. Er spricht:

"Heute ist dieser Diener wirklich gekommen, die Welt zu beleben".
(Tablet to the Ra'ís.)

Und zu Seinen Anhängern sprach Er

"Folget Mir nach, damit Wir euch zu Lebensspendern der Menschheit machen."
(Tablet an den Papst.) (S. 201-224)