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Das Gebet"Das Gebet ist eine Leiter, auf der jedermann zum Himmel emporsteigen kann." (Muhammad.)Zwiesprache mit Gott ´Abdu'l-Bahá sagt: "Gebet ist Zwiesprache mit Gott." ![]() Um die Menschen mit Seinem Gedanken und Willen bekannt zu machen, muss Gott in einer Sprache zu ihnen sprechen, die sie verstehen können, und dies tut Er durch den Mund Seiner heiligen Offenbarer. Während diese Offenbarer körperliche Gestalt besitzen, sprechen Sie zu den Menschen von Angesicht zu Angesicht und übermitteln ihnen die Botschaft Gottes. Nach Ihrem Tod gelangt Ihre Botschaft weiterhin zu den Menschen durch Ihre niedergelegten Reden und Schriften. Doch dies ist nicht der einzige Weg, auf dem Gott mit den Menschen sprechen kann. Es gibt eine Sprache des Geistes, unabhängig von Reden und Schriften, durch die Gott zu den Menschen sprechen und die nach Wahrheit suchenden Herzen inspirieren kann, einerlei, wo sie auch sein mögen und welcher Rasse oder welcher Sprache sie angehören. Mittels dieser Sprache bleibt die Manifestation Gottes auch nach Ihrem Weggang von dieser materiellen Welt mit den Gläubigen in Verbindung. Christus fuhr auch nach Seiner Kreuzigung fort, mit Seinen Jüngern zu sprechen und sie zu inspirieren. Ja in der Tat, Er beeinflusste sie noch mächtiger denn zuvor, und mit den anderen Offenbarern war es ebenso. ´Abdu'l-Bahá spricht viel über diese geistige Sprache. Er sagt zum Beispiel: "Wir sollten in der Sprache des Himmels, in der Sprache des Geistes sprechen, denn es gibt eine Sprache des Geistes und des Herzens. Diese ist so verschieden von unserer Sprache, wie die unsrige verschieden ist von der Sprache der Tiere, die sich nur durch Schreie und Laute zu äußern vermögen. ![]() Es ist die Sprache des Geistes, die zu Gott spricht. Wenn wir uns, befreit von allen äußerlichen Dingen, im Gebet zu Gott wenden, dann ist es, als hörten wir die Stimme Gottes in unserem Herzen. Ohne Worte zu reden, treten wir in Verbindung, sprechen wir mit Gott und vernehmen die Antwort... Wir alle, wenn wir zu einem wahrhaft geistigen Zustand gelangen, können die Stimme Gottes vernehmen." (Bei einem Gespräch, berichtet von Miss Ethel Rosenberg.) Bahá'u'lláh erklärt, dass die höheren geistigen Wahrheiten nur durch diese geistige Sprache übermittelt werden können. Das gesprochene oder geschriebene Wort ist gänzlich unangemessen. In einem kleinen Buche mit dem Titel Sieben Täler, in dem Er die Reise eines Pilgers von seiner seitherigen irdischen Wohnstatt nach dem göttlichen Heim beschreibt, sagt Er in Bezug auf die höheren Stufen der Reise: "Die Zunge ist nicht imstande, diese drei letzten Täler zu schildern, und die Sprache ist unzulänglich. Die Feder dringt nicht in ihr Gebiet, und die Tinte hinterlässt nichts als schwärzende Spuren... Herz zu Herz allein kann von der Wonne der (um Gottes Geheimnisse) Wissenden sagen, kein Bote kann es künden, kein Brief es enthalten." (Bahá'u'lláh, Die Sieben Täler, S. 48 f.) ![]() Die andächtige Haltung Um uns zu zeigen, wie wir jenen geistigen Zustand erlangen können, in dem es möglich ist, mit Gott zu sprechen, sagt ´Abdu'l-Bahá: "Wir müssen danach streben, diesen Zustand dadurch zu erlangen, dass wir uns von allen Dingen und von den Menschen frei machen und uns zu Gott allein wenden. Es wird von Seiten des Menschen etwas Anstrengung erfordern, diesen Zustand zu erlangen, denn er muss sich darum bemühen und danach streben. Wir können zu diesem Zustand gelangen, indem wir weniger nach materiellen Dingen trachten und weniger auf sie bedacht sind als auf das Geistige. Je weiter wir uns von dem einen entfernen, desto näher sind wir dem andern. Die Wahl steht bei uns. Unser geistiges Wahrnehmungsvermögen, unser inneres Gesicht muss geöffnet werden, so dass wir die Zeichen und Spuren des Gottesgeistes in allem schauen können. Alles kann uns das Licht des Geistes widerspiegeln." (Aus einem Gespräch, berichtet von Miss Ethel Rosenberg.) ![]() Bahá'u'lláh hat geschrieben: "In der Dämmerfrühe eines jeden Tages sollte der Sucher mit Gott Zwiesprache halten und von ganzer Seele in der Suche nach seinem Geliebten verharren. Er sollte jeden eigensinnigen Gedanken mit der Flamme Seiner liebenden Erwähnung verbrennen." (Ährenlese aus den Schriften Bahá'u'lláhs, Kap. CXXV.) In derselben Weise erklärt ´Abdu'l-Bahá: "Wenn der Mensch durch seine Seele dem Geist gestattet, seinen Verstand zu erleuchten, dann umfasst er die ganze Schöpfung... Wenn der Mensch jedoch nicht Sinn und Herz den Segnungen des Geistes öffnet, sondern seine Seele der materiellen Seite, dem leiblichen Teil seines Wesens zukehrt, dann ist er von seinem hohen Platz herabgesunken und wird geringer als die Bewohner des niedrigeren Tierreiches." (´Abdu'l-Bahá, Ansprachen in Paris, S. 75.) Und wieder schreibt Bahá'u'lláh: O Menschen! Befreit eure Seelen von den Fesseln des Selbstes (Ich) und läutert sie von aller Bindung an irgend etwas außer Mir. Meiner zu gedenken reinigt alle Dinge von Befleckung - könntet ihr es doch erkennen!... O Mein Diener! Singe die Verse Gottes, die du empfangen hast, so wie jene sie singen, die sich Ihm genähert haben, damit die Süße deines Gesanges deine eigene Seele entflamme und die Herzen aller Menschen anziehen möge. Wer zurückgezogen in seiner Kammer die von Gott geoffenbarten Verse spricht, wird erfahren, wie die Engel des Allmächtigen den Duft der Worte, die sein Mund verkündet hat, überallhin verbreiten..." (Ährenlese aus den Schriften Bahá'u'lláhs, Kap. CXXXVI.) ![]() Das Gebet ist eine unerlässliche Pflicht Das Gebet ist den Bahá'í in klaren Worten zur Pflicht gemacht. Bahá'u'lláh sagt in dem Kitáb-i-Aqdas: "Singt (oder sprecht) die Worte Gottes jeden Morgen und jeden Abend. Wer dies vernachlässigt, ist dem Bündnis Gottes nicht treu, und wer sich an diesem Tag davon abwendet, gehört zu denen, die sich von Gott abgewandt haben. Fürchte Gott, o mein Volk! Werde nicht stolz durch zu vieles Lesen (des heiligen Wortes). Nur einen Vers in Freude und Frohsinn zu singen ist besser für euch, als alle Offenbarungen des allmächtigen Gottes achtlos zu lesen. Singt die Tablets Gottes nur, solange ihr nicht von Müdigkeit und Schwäche befallen werdet. Überbürdet die Seele nicht bis zur Erschöpfung und Abspannung, sondern erquicket sie vielmehr derart, dass sie sich auf den Schwingen der Offenbarung zum Dämmerungsort der Beweise erheben möge. Dies bringt euch näher zu Gott - o gehörtet ihr doch zu denen, die dies verstehen." (Bahá'u'lláh, Kitáb-i-Aqdas.) ´Abdu'l-Bahá sagte zu einem Briefschreiber: "O du geistiger Freund! Du hast nach der Weisheit des Gebetes gefragt. Wisse, dass das Gebet eine unerlässliche Pflicht ist und dass der Mensch unter keinem Vorwand davon entbunden werden kann, es sei denn, er ist geistig krank oder ein unüberwindliches Hindernis tritt auf." (Tablets of ´Abdu'l-Bahá, Band III, S. 683.)Ein anderer fragte Ihn: "Warum beten? Welchen Sinn hat das Beten, nachdem doch Gott alles weislich angeordnet hat und alle Angelegenheiten in bester Ordnung durchführt? Was für einen Sinn hat darum das Bitten und Flehen, das Vorbringen von Wünschen und Hilfesuchen?" ´Abdu'l-Bahá antwortete: "Wisse, dass es sich für den Schwachen geziemt, sich an den Starken zu halten, und dass der Sucher nach Gnade den Herrlichen, den Freigebigen, darum bitten soll. Wer zu seinem Herrn fleht, der wendet sich Ihm zu und sucht Gnade von Seinem Ozean. So ist dieses Flehen schon an sich Licht für sein Herz, Erleuchtung für sein Schauen, Leben für seine Seele und Erhöhung für sein Wesen. Beachte also, wie dein Herz erquickt wird, wenn du zu Gott flehst und sprichst: ,Dein Name ist meine Heilung', wie dann deine Seele durch den Geist der Liebe Gottes entzückt wird und dein Gemüt zu dem Reiche Gottes sich hingezogen fühlt! Dadurch wachsen deine geistigen Anlagen und Fähigkeiten. Wenn das Gefäß vergrößert wird, nimmt das Wasser darin zu, und wenn der Durst sich steigert, empfindet der Mensch die Güte der Wolke angenehm. Dies ist das Geheimnis des Bittens und die Weisheit des Aussprechens der Wünsche." (Aus einem Sendschreiben an einen amerikanischen Gläubigen, ins Engliscbe übersetzt von 'All Kulí Khán, Oktober 1908.) Bahá'u'lláh hat drei tägliche Pflichtgebete geoffenbart. Dem Gläubigen steht es frei, eines dieser drei Gebete auszuwählen, aber er hat die Pflicht, eines davon zu sprechen, und zwar in der Art, wie Bahá'u'lláh es vorgeschrieben hat. ![]() Versammlungsgebet Die Gebete, die Bahá'u'lláh den Bahá'í als tägliche Pflicht geboten hat, soll jeder für sich allein sprechen. Nur beim Gebet für die Verstorbenen hat Bahá'u'lláh gemeinsames Beten angeordnet, wobei einzig gefordert ist, dass der Gläubige, der es laut liest, und alle anderen Anwesenden stehen sollen. Dies unterscheidet sich vom islamischen Brauch des gemeinsamen Gebets, bei dem die Gläubigen in Reihen hinter einem Imam stehen, der das Gebet leitet, was in der Bahá'í-Religion verboten ist. Diese Anordnungen, die mit der Abschaffung des Berufspriestertums durch Bahá'u'lláh übereinstimmen, besagen nicht, dass Er gemeinsamen Andachten keinen Wert beimesse. Über den Wert von Gebetsversammlungen sprach ´Abdu'l-Bahá: "Es mag jemand sagen: ,Ich kann zu Gott beten, wann ich will, wenn die Gefühle meines Herzens zu Gott hingezogen sind, sei dies in der Wüste oder in der Stadt oder sonst wo. Warum sollte ich dorthin gehen, wo andere an einem bestimmten Tag und zu einer gewissen Stunde versammelt sind, um meine Gebete mit den ihrigen zu vereinen, selbst wenn ich mich in keiner Gebetsstimmung befinde?' So zu denken ist nutzlose Einbildung, denn wo viele versammelt sind, ist ihre Kraft größer. Soldaten, die allein und vereinzelt fechten, haben nicht die Kraft eines vereinten Heeres. Wenn sich alle Soldaten in diesem geistigen Krieg versammeln, dann werden ihre vereinten geistigen Gefühle einander helfen, und ihre Gebete werden Annahme finden." (Aus Notizen von Miss Ethel I. Rosenberg.) Das Gebet, die Sprache der LiebeAuf die Frage, ob das Gebet notwendig sei, da doch angenommen werden könne, dass Gott die Wünsche aller Herzen kenne, antwortete ´Abdu'l-Bahá: "Wenn ein Freund für einen Anderen Liebe fühlt, so wird er es ihm sagen wollen. Obschon er weiß, dass der Freund seine Liebe empfindet, wird er doch den Wunsch haben, ihm dies zu sagen ... Gott kennt die Wünsche aller Herzen, aber der Drang zu beten ist ein natürlicher, er entspringt aus des Menschen Liebe zu Gott... Das Gebet bedarf nicht der Worte, aber der Gedanken und der Haltung. Wenn diese Liebe und dieses Verlangen fehlen, dann ist es nutzlos, sie erzwingen zu wollen. Worte ohne Liebe bedeuten nichts. Ware es dir angenehm, dich mit jemandem zu unterhalten, der ohne Liebe und Freude über sein Zusammensein mit dir, nur aus einem ihm unangenehmen Pflichtgefühl heraus, mit dir spricht?" (Artikel, veröffentlicht in der Fortnightly Review, Juni 1911, von Miss E. S. Stevens.) Bei einem anderen Gespräch sagte ´Abdu'l-Bahá: "Im reinsten Gebet beten die Menschen nur um der Liebe Gottes willen, nicht weil sie Ihn oder die Hölle fürchten oder auf die Güte oder den Himmel hoffen ... Wenn sich jemand in einen Menschen verliebt, so ist es ihm unmöglich, den Namen des geliebten Wesens nicht zu nennen. Wie viel schwieriger ist es für einen Menschen, sich der Erwähnung des Namens Gottes zu enthalten, wenn er dazu gelangt ist, Gott zu lieben! Der geistige Mensch findet an nichts Freude außer im Gedenken Gottes." (Aus Notizen von Miss Alma Robertson und andern Pilgern, November und Dezember 1900.) ![]() Befreiung aus Trübsalen Nach den Lehren der Offenbarer rühren Krankheit und alle anderen Arten von Trübsal von dem Ungehorsam den Geboten Gottes gegenüber her. Selbst Unglücksfälle, die von einer Flut, einem Orkan oder einem Erdbeben herrühren, sind nach ´Abdu'l-Bahá mittelbar dieser Ursache zuzuschreiben. Das Leid, das dem Irrtum folgt, ist nicht rächender, sondern erzieherischer und heilsamer Natur. Es ist Gottes Stimme, die dem Menschen ankündigt, dass er vom rechten Weg abgeirrt ist. Wenn das Leid schrecklich ist, so nur deshalb, weil die Gefahr des Unrechttuns noch schrecklicher ist, denn "der Tod ist der Sünde Sold". So wie Trübsal dem Ungehorsam zuzuschreiben ist, so kann die Befreiung von Trübsal nur durch Gehorsam erlangt werden. Es gibt hierin weder Zufall noch Zweifel. Sich von Gott abzuwenden bringt unvermeidlich Missgeschick, und sich Gott zuzuwenden bringt ebenso unvermeidlich Segen. ![]() Da die ganze Menschheit ein Organismus ist, so hängt die Wohlfahrt jedes einzelnen nicht nur von seinem eigenen Betragen, sondern auch von dem seines Nächsten ab. Wenn einer Unrecht tut, so leiden alle mehr oder weniger darunter; tut aber einer Gutes, so haben alle davon Nutzen. Jeder hat bis zu einem gewissen Grad seines Nächsten Lasten zu tragen, und die Besten der Menschheit sind jene, welche die schwersten Bürden tragen. Die Heiligen haben immer überaus schwer gelitten, die Offenbarer haben im höchsten Maße gelitten. Bahá'u'lláh sagt im Buch Íqán: "Denn du bist doch zweifellos unterrichtet über die Trübsale, die Armut, die Übel und die Erniedrigung, die über jeden Propheten Gottes und Seine Gefährten kamen. Du hast doch gehört, wie die Köpfe Ihrer Anhänger als Geschenke in verschiedene Städte gesandt wurden." (Bahá'u'lláh, Das Buch der Gewissheit, S. 55.) Dies ist aber nicht so zu verstehen, als ob die Heiligen und Offenbarer mehr Strafe verdient hätten als andere Menschen. Nein, diese leiden oft für die Sünden anderer und wählen das Leiden für Sich um der anderen willen. Es geht Ihnen um das Wohl der Welt und nicht um Ihr eigenes Wohl. Der, welcher die Menschheit wahrhaft liebt, bittet nicht darum, dass er als einzelner von der Armut, der Krankheit oder dem Ungemach verschont bleibe, sondern dass die Menschheit von der Unwissenheit, dem Irrtum und den Übeln, die diesen unvermeidlich folgen, befreit werden möge. Wenn er für sich Gesundheit oder Reichtum wünscht, dann nur, um damit dem Königreiche Gottes dienen zu können, und wenn ihm physische Gesundheit und Reichtum versagt sind, nimmt er sein Los mit "strahlender Ergebung" an, wohl wissend, dass in allem, was ihn auf dem Pfade Gottes befällt, eine rechte Weisheit liegt. ´Abdu'l-Bahá sagt: ![]() "Kummer und Sorge überkommen uns nicht zufällig, sie werden uns vielmehr durch die göttliche Gnade zu unserer eigenen Vervollkommnung gesandt. Solange ein Mensch glücklich ist, mag er wohl Gott vergessen, doch wenn ihn Kummer ankommt und Sorge überwältigt, wird er sich des Vaters, der im Himmel ist und ihn aus seiner Erniedrigung zu befreien vermag, erinnern... Je mehr ein Mensch geläutert wird, desto größer ist die Ernte der geistigen Tugenden, die aus ihm hervorgehen." (´Abdu'l-Bahá, Ansprachen in Paris, S. 36.) Auf den ersten Blick erscheint es uns sehr ungerecht, dass der Unschuldige für den Schuldigen leiden soll, aber ´Abdu'l-Bahá versichert uns, dass diese Ungerechtigkeit nur eine scheinbare ist, dass aber auf weite Sicht vollkommene Gerechtigkeit herrscht. Er schreibt: "Was nun die Säuglinge und Kinder betrifft, die unter den Händen der Unterdrücker leiden und umkommen, ... so gibt es für diese Seelen eine Belohnung in einer anderen Welt... Dieses Leiden ist die größte Gnade Gottes. Wahrlich, diese Gnade des Herrn ist weit besser, als alle Annehmlichkeiten dieser Welt und als das Wachstum und die Entwicklung, welche dieser Stätte der Sterblichkeit eigen sind." (Tablets of ´Abdu'l-Bahá, Band II, S. 337.) ![]() Gebet und Naturgesetz Manche finden es schwierig, an die Wirksamkeit des Gebets zu glauben, weil sie denken, die Erhörung des Gebets bedeute eine willkürliche Einmischung in das Naturgesetz. Ein Gleichnis möge dienen, diese Schwierigkeit zu beseitigen. Wenn ein Magnet über Eisenspäne gehalten wird, so werden diese auffliegen und an dem Magnet haften. Dies bedeutet aber keine Einmischung in das Gesetz der Schwerkraft. Die Schwerkraft wirkt auch jetzt noch wie zuvor auf die Eisenspäne ein. Was sich ereignete, ist nur, dass hier eine stärkere Kraft einsetzte - eine andere Kraft, deren Wirkung ebenso regelrecht und berechenbar ist wie die der Schwerkraft. Die Bahá'í-Anschauung ist, dass das Gebet höhere Kräfte auslöst, die noch verhältnismäßig wenig bekannt sind. Es scheint aber kein Grund zu der Annahme vorzuliegen, dass diese Kräfte in ihrer Tätigkeit willkürlicher als die physischen Kräfte seien. Der Unterschied ist nur der, dass diese Kräfte noch nicht genügend und nicht experimentell erforscht sind, und wegen unserer Unkenntnis erscheint uns ihr Wirken geheimnisvoll und unberechenbar. Eine andere Schwierigkeit, die manche als verwirrend ansehen, ist die, dass ihnen das Gebet als eine zu schwache Kraft erscheint, um die großen Wirkungen, die oft damit erstrebt werden, hervorzubringen. Auch hier mag ein Gleichnis dazu dienen, diese Schwierigkeit zu beheben. Wenn eine schwache Kraft auf das Schleusentor eines Stauwerkes gerichtet wird, so ist sie imstande, eine gewaltige Flut von Wasserkräften zu entfesseln und zu regeln, oder wenn eine solche schwache Kraft bei dem Steuerungswerk eines Ozeandampfers eingesetzt wird, so ist sie imstande, den Kurs dieses Riesenfahrzeuges zu bestimmen.Nach der Bahá'í-Anschauung ist jene Macht, die auf unsere Gebete antwortet, die unerschöpfliche Macht Gottes. Dem Betenden kommt es nur zu, die schwache Kraft anzuwenden, die nötig ist, um die Flut zu befreien oder den Lauf der göttlichen Gnadenfülle zu bestimmen, die immer bereit ist, jenen zu dienen, die gelernt haben, wie man sich an sie wendet. Bahá'í-Gebete Bahá'u'lláh und ´Abdu'l-Bahá offenbarten für Ihre Anhänger unzählige Gebete, die sie zu verschiedenen Zeiten und für verschiedene Ziele gebrauchen sollen. Die Gedankengröße und tiefgründige Geistigkeit, die sich in diesen Worten enthüllen, müssen einen nachhaltigen Eindruck auf jeden denkenden Sucher machen. Aber ihre Bedeutung können wir erst dann richtig einschätzen und ihre Kraft, Gutes zu wirken, völlig uns klarmachen, wenn wir den Gebrauch dieser Gebete zu einem regelmäßigen und wichtigen Teil unseres täglichen Lebens machen. Die Rücksicht auf den beschränkten Raum dieses Buches gestattet uns leider nicht, außer einigen kurzen Beispielen, mehr von diesen Gebeten hier wiederzugeben. Wegen weiterer Gebete sei der Leser auf andere Bahá'í-Schriften verwiesen. "O mein Herr! Mache Deine Schönheit zu meiner Speise, Deine Gegenwart zu meinem Trank, Dein Wohlgefallen zu meiner Hoffnung, Deinen Lobpreis zu meiner Tat, das Gedenken Deiner zu meinem Gefährten und die Macht Deiner Herrschaft zu meinem Beistand, Deine Behausung zu meinem Heim und meinen Wohnort zum Sitz, den Du geheiligt hast über die Grenzen, denen gesetzt, die wie durch einen Schleier von Dir getrennt sind. Du bist wahrlich der Allmächtige, der Allherrliche, der Machtvollste."(Bahá'u'lláh, Gebete und Meditationen, 168.) "Ich bezeuge, o mein Gott: Du hast mich erschaffen, Dich zu erkennen und Dich anzubeten. Ich bezeuge in diesem Augenblick meine Ohnmacht und Deine Macht, meine Armut und Deinen Reichtum. Es gibt keinen anderen Gott außer Dir, dem Helfer in Gefahr, dem Selbstbestehenden." (Bahá'u'lláh, Gebete und Meditationen, 181.) "O mein Gott! O mein Gott! Vereinige die Herzen Deiner Diener und offenbare ihnen Deine großen Absichten. Mögen sie Deine Gebote befolgen und Deinem Gesetze treu bleiben. Hilf ihnen, o Gott, in ihrem Bemühen und verleihe ihnen Kraft, Dir zu dienen. O Gott, überlasse sie nicht sich selbst, sondern leite ihre Schritte durch das Licht der Erkenntnis und erquicke ihre Herzen durch Deine Liebe. Wahrlich, Du bist ihr Helfer und ihr Herr." (Bahá'u'lláh, Bahá'í Prayers.) "O du gütiger Herr! Du hast die ganze Menschheit aus dem gleichen Stamm erschaffen. Du hast bestimmt, dass alle dem gleichen Haushalt angehören sollen. In Deiner heiligen Gegenwart sind sie alle Deine Diener, und die ganze Menschheit findet Schutz in Deiner Hütte. Alle haben sich um Deinen Gabentisch versammelt. Alle werden erleuchtet durch das Licht Deiner Vorsehung. O Gott! Du bist gütig zu allen, Du hast für alle gesorgt, Du beschützest alle, Du verleihst allen Leben, Du hast einen jeden und alle mit Gaben und Fähigkeiten ausgestattet, und alle sind in das Meer Deiner Barmherzigkeit untergetaucht. O Du gütiger Herr! Vereinige alle. Gib, dass die Religionen in Einklang kommen, und einige die Völker, so dass sie einander ansehen mögen wie eìne Familie und die ganze Erde wie ein Heim. Möchten sie doch alle in vollkommener Harmonie zusammenleben! O Gott! Erhebe das Banner der Einheit der Menschheit.O Gott! Errichte den Größten Frieden. Schmiede Du, o Gott, die Herzen zusammen. O Du gütiger Vater, Gott! Erfreue unsere Herzen durch den Duft Deiner Liebe. Mache unsere Augen strahlend durch das Licht Deiner Führung. Erquicke unsere Ohren mit dem Wohlklang Deines Wortes und beschütze uns alle in der Feste Deiner Vorsehung. Du bist der Mächtige und Kraftvolle, Du bist der Vergebende und Du bist Der, welcher die Mangel der ganzen Menschheit übersieht." (´Abdu'l-Bahá, Bahá'í Prayers.) "O Du Allmächtiger! Ich bin ein Sünder, Du aber bist der Vergebende. Ich bin voller Mangel, Du aber bist der Mitleidige. Ich bin in der Dunkelheit des Irrtums, Du aber bist das Licht der Verzeihung. Darum bitte ich Dich, o Du liebreicher Gott, vergib mir meine Sünden, gewähre mir Deine Gaben, übersieh meine Fehler, verleihe mir Schutz, versenke mich in den Quell Deiner Geduld und heile mich von aller Krankheit und allem Leiden. Reinige und heilige mich. Gib mir einen Teil von der Ausgießung der Heiligkeit, so dass Sorgen und Traurigkeit verschwinden, Freude und Glückseligkeit herabkommen, Verzagtheit und Hoffnungslosigkeit verwandelt werden in Frohsinn und Zuversicht, und Mut an Stelle von Furcht trete. Wahrlich, Du bist der Vergebende, der Mitleidige, und Du bist der Großmütige, der Geliebte!" (´Abdu'l-Bahá, Bahá'í Prayers.) "O Du mitleidiger Gott! Verleihe mir ein Herz, das mit dem Lichte Deiner Liebe erleuchtet werde wie ein Spiegel, und gib mir Gedanken, welche die Welt durch geistige Gnaden in einen Rosengarten verwandeln mögen. Du bist der Mitleidige, der Barmherzige, der Gnadenreiche!" (´Abdu'l-Bahá, Bahá'í Prayers.) ![]() Das Bahá'í-Gebet ist jedoch nicht beschränkt auf den Gebrauch vorgeschriebener Formen, wie wichtig diese auch sein mögen. Bahá'u'lláh lehrt, dass des Menschen ganzes Leben ein Gebet sein sollte, dass die im rechten Geist verrichtete Arbeit Gottesdienst ist, dass jeder Gedanke, jedes Wort und jede Tat, die dem Ruhme Gottes und dem Wohl unserer Mitmenschen dienen, im wahrsten Sinn des Wortes Gebet sind. (S. 108-120) |