Schriftgröße:
 

Geschichtlicher Hintergrund

Wer war ´Abdu'l-Bahá?

´Abdu'l-Bahá, der älteste Sohn Bahá'u'lláhs, wurde am 23. Mai 1844 in Tihrán geboren, in derselben Nacht, in welcher der Báb in Shíráz Seine Sendung offenbarte. Er erhielt den Namen 'Abbás nach Seinem Großvater, nahm aber den Namen ´Abdu'l-Bahá an, der "Diener Bahá'u'lláhs".
Über Seine frühe Kindheit wissen wir wenig. Die in diesem Büchlein erzählten Geschichten fallen durchweg in die Zeit Seines Wirkens in 'Akká und auf Seinen Reisen in Europa und Amerika.
Eine kleine Episode aus der Zeit, als ´Abdu'l-Bahá etwa vier Jahre alt war, ist so überliefert:

Einmal weilte Táhirih als Gast im Hause Bahá'u'lláhs. Táhirih liebte ´Abdu'l-Bahá sehr und hielt ihn oft im Arm. Zu dieser Zeit kam auch einmal der berühmte Vahíd, wie Táhirih einer der ersten Gläubigen des Báb, und bat um eine Unterredung mit Táhirih. Sie ließ ihn eine Weile warten, während Freunde baten, sie möge doch das Kind lassen und endlich mit Vahíd sprechen. Doch sie drückte das Kind nur fester an sich und erwiderte: "Soll ich Dich jetzt verlassen, Du Beschützer des Glaubens, um mich einem Anhänger des Glaubens zuzuwenden?" Offensichtlich hatte Táhirih schon früh die zukünftige große Aufgabe erkannt, die ´Abdu'l-Bahá nach dem Tode Seines Vaters zukommen sollte.



Als Bahá'u'lláh Mitte August 1852 mit anderen Bábí in das finstere Gefängnis von Tihrán, das Síváh-Chál, geworfen wurde, war ´Abdu'l-Bahá acht Jahre alt, Seine Schwester Bahíyyih Khánum sechs und Sein Bruder Mihdí vier Jahre. Die Familie musste ihr Haus verlassen und sich aus Furcht um ihr Leben versteckt halten. Während der viermonatigen Einkerkerung Bahá'u'lláhs gingen ´Abdu'l-Bahá und Seine Mutter täglich von ihrer verborgenen Unterkunft zu Freunden, um zu erfahren, ob Bahá'u'lláh noch am Leben sei, die jüngere Schwester blieb unterdessen bei dem kleinen Bruder Mihdí. Oft konnten sie das Geschrei der Menge in den Straßen hören, wenn Gefangene dem Pöbel zur Folterung überlassen worden waren. Welche Ängste die Kinder Tag für Tag ausgestanden haben müssen, kann man sich vorstellen, denn sie liebten ihren Vater über alles.
Einmal durfte ´Abdu'l-Bahá Seinen Vater im Síváh-Chál besuchen. Adib Taherzadeh berichtet darüber:

"Er war erst die Hälfte der Stufen hinab gestiegen, als Bahá'u'lláh Ihn sah und befahl, dass das Kind sofort wieder hinaufgeführt werden solle. Es wurde Ihm erlaubt, im Gefängnishof zu warten, bis die Gefangenen zur Mittagszeit eine Stunde frische Luft schöpfen durften. ´Abdu'l-Bahá sah Seinen Vater in Ketten an Seinen Neffen Mírzá Mahmúd geschmiedet. Sein Gang war schwer, Bart und Haare waren ungepflegt, Sein Nacken war wund und geschwollen vom Druck des schweren eisernen Halsbandes, Sein Rücken gebeugt vom Gewicht der Kette. Bei diesem Anblick fiel ´Abdu'l-Bahá in Ohnmacht. Bewusstlos wurde Er nach Hause getragen."

Nach Seiner Freilassung aus dem Gefängnis wurde Bahá'u'lláh zusammen mit Seiner Familie und Seinen Anhängern nach dem Iraq verbannt. Die beschwerliche Reise teils zu Fuß, teils auf Mauleseln über die schneebedeckten Berge Westiráns, nahm drei Monate in Anspruch und war äußerst mühsam und entbehrungsreich. ´Abdu'l-Bahá erlitt Erfrierungen, die Ihm zeit Seines Lebens Beschwerden machten. Die Herbergen, in denen sie unterwegs übernachteten, hatten weder Betten noch Licht, und es war nicht möglich, die Kleidung richtig zu trocknen. Asíyih Khánum (Navváb), die Mutter ´Abdu'l-Bahás, tat alles, um ihren Lieben die Reise zu erleichtern. Nahrungsmittel zu bekommen, war sehr schwer. Als sie einmal etwas Mehl erhalten hatte und damit Halva, ein süßes Gebäck, zubereiten wollte, nahm sie in der Dunkelheit versehentlich Pfeffer zum Teig statt Zucker, und niemand konnte das Gebäck genießen. ´Abdu'l-Bahá erzählte später, dass ihnen die ganze Nacht der Mund gebrannt hätte.
Alle Mitglieder der Familie waren krank vor Erschöpfung, als sie endlich am 8. April 1853 ihren Verbannungsort Baghdad erreichten.



Ein Jahr später, am 10. April 1854, zog sich Bahá'u'lláh in die Einsamkeit der Berge Kurdistáns zurück. Während Seiner zweijährigen Abwesenheit lastete auf des zehnjährigen ´Abdu'l-Bahá Schultern die unvorstellbare Bürde der Verantwortung für die Familie.
Während der sieben Jahre, die die Familie nach Bahá'u'lláhs Rückkehr noch in Baghdad verbrachte, wurde ´Abdu'l-Bahá zur unentbehrlichen Stütze Seines Vaters. Er fertigte Abschriften der zahlreichen von Bahá'u'lláh offenbarten Tablets an, der Kitáb-i-íqán aus dem Jahr 1862 ist von Seiner Hand geschrieben. Er empfing Besucher und unterhielt sich mit vielen Gelehrten, die Sein reifes Wesen und Seine hohen Fähigkeiten lobten und bewunderten.
´Abdu'l-Bahá hatte nie eine Schule besucht; Sein Geist entfaltete sich durch die liebende Sorge Seines Vaters Bahá'u'lláh.
Als Bahá'u'lláh, der in diesen außerordentlich fruchtbaren sieben Jahren den niedergeschlagenen Anhängern des Báb neues Leben einflößte, sich im April 1863 als der Verheißene erklärte, hatte ´Abdu'l-Bahá die hohe Stufe Seines Vaters schon erkannt.

Die zwölf Tage im Garten Ridván bildeten Krönung und Abschluss des Baghdád-Aufenthaltes, denn die Gegner des Glaubens hatten schon die Verbannung Bahá'u'lláhs und Seiner Familie nach Konstantinopel, der Hauptstadt des osmanischen Reiches, erwirkt.
Dreieinhalb Monate dauerte die Reise nach Konstantinopel. Hasan M. Balyuzi erzählt über ´Abdu'l-Bahá auf dieser Reise: Er "war jetzt ein junger Mann von neunzehn Jahren, gut aussehend, freundlich, gewandt, beseelt von dem Wunsch zu dienen, fest im Umgang mit Eigensinnigen, großherzig zu allen. Er mühte sich sehr, die Strapazen einer langen Reise für die anderen weniger beschwerlich zu machen. Beim Anbruch der Nacht war Er unter den ersten, die den Rastplatz erreichten, um für die Bequemlichkeit der Reisenden zu sorgen. Waren die Vorräte knapp, so verbrachte Er die Nacht mit Nahrungssuche für Mensch und Tier. Und früh zur Morgendämmerung erhob Er sich, um die Karawane für eine weitere Tagesreise zu rüsten. Dann ritt Er den ganzen Tag dienstbereit an der Seite Seines Vaters."
Am 16. August 1863 erreichten die Verbannten Konstantinopel (das heutige Istanbul), den Sitz des Sultans 'Abdu'l-Azíz. Wie von Bahá'u'lláh vor Seiner Abreise aus Baghdad im Tablet vom Heiligen Seefahrer vorhergesagt, reihten sich nun die Trübsale wie in einer Kette aneinander. Immer wieder war es ´Abdu'l-Bahá, der besänftigend, geduldig und mit großem persönlichen Einsatz die Geschicke der Verbannten lenkte und, so gut es ging, Seinen Vater gegen Zudringlichkeiten und Bosheit abschirmte.

Anfang Dezember 1863 verfügte Sultan 'Abdu'l-'Azíz die Verbannung Bahá'u'lláhs nach Adrianopel, dem heutigen Edirne, in der europäischen Türkei. Wie schon die erste Reise in die Verbannung zehn Jahre zuvor, war auch diese Reise in extrem kaltem Winter äußerst beschwerlich, und den Verbannten mangelte es an geeigneter Kleidung und Ausrüstung. Erschöpft und krank erreichten sie am 12. Dezember 1863 ihr Ziel.
Nach vier Jahren und acht Monaten Aufenthalt in Adrianopel wurde Bahá'u'lláh mit Seiner Familie und den meisten Freunden nach 'Akká verbannt. Nun stand ihnen die letzte und schwerste Reise bevor. Bahá'u'lláh warnte selbst Seine Gefährten, dass "diese Reise mit keiner der früheren Reisen zu vergleichen" sein werde und dass, wer immer sich nicht "Manns genug fühle, der Zukunft ins Auge zu blicken, besser daran täte, an irgendeinen beliebigen anderen Platz zu gehen, um vor Versuchungen bewahrt zu bleiben; denn danach werde keiner mehr entkommen können".



´Abdu'l-Bahá war inzwischen ein junger Mann von 24 Jahren, Seine Schwester Bahíyyih Khánum war 22 und Sein Bruder Mihdí 20 Jahre alt. Kindheit und Jugend der Kinder Bahá'u'lláhs waren mit Sorgen und Entbehrungen dahingegangen. Aber die Liebe zu Bahá'u'lláh und Seiner göttlichen Sendung ließ sie ihr schweres Schicksal mit Geduld ertragen.
An den Ufern des Heiligen Landes beginnt nun die 24 Jahre dauernde letzte und höchste Wirkungsphase Bahá'u'lláhs, aber auch unermessliches Leid im Kerker des "Größten Gefängnisses". ´Abdu'l-Bahá pflegte aufopfernd alle Kranken, bis Er selbst schwer erkrankte. Schließlich brachte der Tod von ´Abdu'l-Bahás jüngerem Bruder Mihdí, dem "Reinsten Zweig" der im Alter von 22 Jahren, am 23. Juni 1870, sein Leben opferte, große Trauer über die Familie. Die Kinder Bahá'u'lláhs empfanden tiefe Liebe füreinander. Zeit ihres Lebens waren sie darauf bedacht, sich gegenseitig den Alltag zu erleichtern, sich zu trösten und geistig Stütze zu sein.
Als Bahá'u'lláh den Kerker verlassen und mit Seiner Familie ein Landhaus nördlich von 'Akká beziehen konnte, stand ´Abdu'l-Bahá in der Blüte Seiner Jahre und sorgte für die äußeren Angelegenheiten Seines Vaters. Während Bahá'u'lláh nur noch selten persönliche Unterredungen gewährte, vertrat Ihn ´Abdu'l-Bahá zur vollen Zufriedenheit der Gesprächspartner.
Nach dem Tode Bahá'u'lláhs im Jahre 1892 war Sein Sohn ´Abdu'l-Bahá, der "Größte Zweig" Mittelpunkt des Bündnisses, bevollmächtigter Führer der Gemeinde und Ausleger der Schriften Bahá'u'lláhs.

In der zu Adrianopel offenbarten Súriy-i-Qhusn (Sendbrief vom Zweig) heißt es: "Wohl dem, der bei Ihm Zuflucht sucht und unter Seinem Schatten weilt." Und: "Wer nicht im Schatten des Zweiges bleibt, der ist verloren in der Wüste des Irrtums." Shoghi Effendi berichtet, daß Bahá'u'lláh Ihn "Mein Augapfel" und "einen Schild für alle im Himmel und auf Erden" nannte, "Schutz für die gesamte Menschheit" und "eine Feste für jeden, der an Gott glaubt".

Abschließend sei das erfrischende Portrait ´Abdu'l-Bahás wiedergegeben, das der bekannte englische Orientalist Edward G. Browne anlässlich seines Besuchs bei Bahá'u'lláh im April 1890 von Ihm zeichnete. Zur Zeit ihrer Begegnung stand ´Abdu'l-Bahá im 46. Lebensjahr, Professor Browne war ein junger Mann von 28 Jahren. Sein Bericht ist wohl der einzige eines westlichen Gelehrten, der nicht aus dem Kreise der Anhänger Bahá'u'lláhs stammt und noch verhältnismäßig früh in ´Abdu'l-Bahás Leben zustande kam.
"Selten habe ich jemanden gesehen, der mich mehr beeindruckt hätte. Ein hoch gewachsener, kräftiger Mann mit pfeilgerader Haltung, weißem Turban und Gewand, langen schwarzen Locken, die fast zu den Schultern reichten, einer breiten, mächtigen Stirn, die auf einen ausgeprägten Verstand und festen Willen deutet, mit Adlerblick und scharf geschnittenen aber angenehmen Gesichtszügen - so war mein erster Eindruck von 'Abbás Effendi, "dem Meister", wie er par excellence von den Bábís genannt wird. Die spätere Unterhaltung mit ihm konnte nur meine Achtung erhöhen, die mir seine Erscheinung von Anfang an eingeflößt hatte. Jemand, der so redegewandt ist wie er, so geschickt im Erörtern, so vertraut mit den heiligen Büchern der Juden, Christen und Mohammedaner, dürfte, wie ich glaube, nicht einmal unter dem beredsamen, geschickten und scharfsinnigen Volk, dem er angehört, zu finden sein. Bei diesen Eigenschaften, verbunden mit einer zugleich majestätischen und gütigen Haltung, brauchte ich mich nicht länger darüber zu wundern, welchen Einfluss und welches Ansehen er selbst außerhalb des Kreises der Anhänger seines Vaters genoss. Niemand, der ihn gesehen hatte, konnte an der Größe oder Fähigkeit dieses Mannes einen Zweifel hegen."

"Wohl dem, der bei Ihm Zuflucht sucht und unter Seinem Schatten weilt."
Bahá'u'lláh